Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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Wir fassten bis jetzt Deutschland als das Herz Europas und in seiner Umgebung und vielseitigen Berührung von den andern Ländern auf, und knüpften daran die Tiefe und Innigkeit so wie den Reich- thum und die Mannichfaltigkeit der Literatur. Aber diese letztere ist nicht allein eine von Aussen erregte und durch verschiedenartige äussere Einwirkungen hervorgerufene, sondern sie ist zum Theil auch eine Frucht der innern Gestaltung und Gliederung des Landes, die neben jenen Eigenschaften, so wie neben der gemässigten klimatischen Beschaffenheit desselben und der angebornen tiefern Richtung sei- ner Bewohner und seiner Sprache, sehr einflussreich ist. Diese Individualisirung des deutschen Lan- des hat auch eine Individualisirung des deutschen Geistes zur Folge, wodurch eine grosse Zahl verschie- denartiger Volksthümlichkeiten und eine sehr verschiedenartige geistige Bethätigung auch in intensiver Hinsicht wie durch die verschiedene Angränzung extensiv bedingt und hervorgebracht wird. Durch diese reiche Individualisirung erklingt die Hautsohe Subjectivität in den verschiedenartigsten Tönen, noch gehoben durch den Umstand: dass mit ihr die Entstehung vieler kléiner Fürstenthümer verbun- den ist, die an ihren Höfen Kunst und Wissenschaften pflegen, und das geistige Leben in besondern Ge- staltungen um sich concentriren, die aber vor allen Dingen für die Poesie wichtig sind, weil diese in der milden Wärme kleiner Fürstenhöfe am besten gedeiht, in der schönen Mitte zwischen den Höhen und Tie- fen menschlichen Reichthums und menschlicher Sorge am herrlichsten reift, und in der überschaulichen Anmuth einer mässigen Lebensfülle die meisten Blüthen treibt, während sie vom Sonnenglanze grosser Höfe, nur die Zeit eines Augustes und eines Ludwig XIV. macht hier zum Theil eine Ausnahme

leichsam geblendet und fast erstickt wird. Wir drauchen nur an die Berengare in Barcellona, an die

klohenstauken in Schwaben, an die Babenberger in Oestreich und an die Landgrafen von Thüringen zu er- innern, um nicht zu den kleinen Fürsten des griechischen Alterthums, zu dem Kypselos von Korinth, den Orthagoriden von Sikyon, den nicht weniger durch Kunst- als durch Gesangesliebe hervorragenden Namen eines Pisistratus, Hipparch, Polykrates, Hiero und Theron hinabzusteigen.

Nicht minder wird diese intensive VYielseitigkeit dadurch gesteigert: dass neben den verschiedenen Volksthümlichkeiten, in deren harmonischem Zusammenklange der deutsche Genius seine Stimme zum Him- mel erhebt, auch zugleich fast alle Stände ihre Gefühle, Empfindungen und besondere Anschauungs- weisen uns in der Literatur und besonders in der Poesie vor Augen gestellt haben und so den tiefsten Ein- blick in die mannichfaltigsten Zustände der grossen und reichen Seele des Deutschen gewähren. Wer wollte es leugnen, dass diese Himmelsleiter der deutschen Dichtkunst, auf deren Sprossen ein Kaiser Maxi- milian wie ein Schuhmacher Hans Sachs auf- und niedersteigen gleich wie der königliche Philosoph von Sanssouci neben des letztern Zunftgenossen Jacob Böhme geht, und wo der fürstliche Dichter dem Volkssänger, der Adliche dem Bürgerlichen, der Laie dem Geistlichen folgt, neben der Verschiedenheit der dichterischen Production noch ein grosses psychologisches Interesse darbietet? Die deutsche Literatur hat in verschiedenen Perioden auch gleichsam verschiedene Stände durchlaufen, bis in der neuern Zeit, na- mentlich seit Opitz und dem dreissigjährigen Kriege, sich diese, nicht ohne Zusammenhang mit manchen

olitischen Erscheinungen, gegenseitig mehr Asrekchrungen und ihre Opfer gemeinsam auf dem Altare der Nlusen niedergelegt haben. In der neuesten Zeit scheint jedoch wieder eine neue Periode des Minne- gesangs in so fern aufzutauchen, als wir der adlichen Sänger so viele und herrliche wieder in den ersten Reihen sehn, die, wenn sie auch nicht von Liebe singen, sich doch gegen das hastige und ungestüm ma- terielle Treiben der Aussenwelt, das die Gegenwart krampfhaft durchzuckt, und die kalte Prosa des Lebens in die ätherischen Räume der Poesie flüchten, die nicht berührt vom Erdenschmerze in ungestörter Freude wandeln, oder von tiefer Wehmuth und Beklommenheit bewegt in eine gewisse contemplative Schwermuth versinken. Der edle, ritterlich fromme Max von Schenkendorf, der zarte naturfreudige Joseph von Eichen- dorf, der jugendlich idealfreie Alex. von Auersperg(Anastasius Grün), der beschaulich wehmüthige Nimtsch Freih. von Strehlenau(Nikolaus Lenau), der herbe seelenkranke Adalbert von Chamisso, der Freiherr von Zedlitz mit seinem schönen Maasse edler Menschlichkeit, der Graf Platen, mit seinem griechischen Leibe und christlichen Herzen, und mehrere andere, wie der königliche Sänger von Baiern, die fürstliche Amalie von Sachsen, Ida Gräfin Hahn Hahn, Fr. von Schenk, Fr. von Gaud, Fr. von Auffenberg, Kühne von Randau, scheinen wenigstens einer solchen Richtung der Poesie nicht zu widersprechen. Unter den Wis- senschaften ist es besonders die Naturkunde, im weitern Sinne des Wortes, die sich auch in den höhern Ständen Bahn gebrochen und thätige Förderung erworben hat.

Wir legten der Individualisirung Deutschlands einen hohen Werth bei für die Entwickelung verschie- dener geistiger Eigenthümlichkeiten, worin unser Heimathsland so manches Verwandte mit dem alten Hel- las hat, und ihm wie diesem nicht sowohl im Reiche der Politik durch imponirende Einheit weltlicher Herrschaft als vielmehr im Reiche des Geistes und der Idee, in der Durchdringung der verschiedenartigsten äussern und innern Bildungselemente, seine welthistorische Bedeutung und Bestimmung angewiesen ist. Gerade die Mitte Deutschlands, Thüringen, ist das individuellste, getheilteste und vielgestaltigste Land; und eben weil Deutschland keinen festen Mittelpunkt hat, um den sich Alles concentrirt, viele