Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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Sprachbaumes zurückgehn, und auch wenn wir nur die Zeit der historischen Entwickelung und Gestaltung unserer Sprache berücksichtigen, lässt sich dies hinlänglich darthun.

Das Gothische stand in naher Perührunf mit dem Griechischen und hat die Einwirkung desselben mannichfach erfahren, während das Lateinische auf die nächste Stufe der deutschen Sprachentwickelung, auf das Althochdeutsche, vielfachen Einfluss ausübte, wodurch unsere Sprache schon in ihrer Kindheit, wo sie, wie der Mensch auf gleicher Altersstufe, für fremde Eindrücke am empfänglichsten ist, von der kla- ren und objectiven Darstellung und somit auch vom Geiste der beiden Hauptbildungsvölker des Alterthums angeregt wurde, und sich Manches aus demselben aneignete. Bei aller Verbindung mit Griechenland und Rom war jedoch die Erziehung der Sprache eine mehr religiös stille, klösterlich einsame. Da nahte die Zeit der Kreuzzüge, und nun stieg sie hervor aus der stillen Klause des Gemüthslebens, dessen Schachte sie reich ausgebeutet hatte und trat, nachdem die Zeit ihres stillen Morgengebets vorüber war, hervor an das helle Tageslicht des Weltlebens, das sich nun in der buntfarbigsten Mannichfaltigkeit ent- wickelte, und die Sprache durch neue Ideen, neue Begriffe und neue Worte und Handlungen bereicherte. Die neue Welt, die hier aufging, war in mehrfacher Hinsicht von der höchsten Bedeutung, denn die Kreuzzüge sind nicht allein dadurch literarisch so hoch wichtig: dass sich das Abendland in das Morgen- land taucht und der Orient mit seiner reichen Blüthenfülle die Phantasie berauscht, sondern eben so sehr und vielleicht noch mehr dadurch: dass die Völker des Westens, die bisher vereinzelt gelebt hatten, nun durch das Wunder einer gemeinsamen Begeisterung zur Befreiung des heiligen Grabes zusammentraten, und dass sich die verschiedenen Volksthümlichkeiten der einzelnen Nationen des Abendlandes gegenseitig näherten und durchdrangen. Unter den vier Sagenkreisen, denen sich die poetische Richtung der Zeit zu- wandte, finden wir daher neben dem heimathlich deutschen und dem antiken, die nan beide aus dem Jrabe hervorsteigen, sich dem gemeinsamen Zuge anschliessen und von den weitumfassenden Idealen der Ritterpoesie umschlungen werden, einen Sagenkreis von Karl dem Grossen und von Arthus und der Tafel- runde. Dort ist provencçalischer, oder spanischer und südfranzösischer, Einfluss vorwaltend, hier wirkt die Bekanntschaft mit den nordfranzösischen und englischen Rittern und ihrer Sprache, sei es unmittelbar oder durch Vermittelung provençalischer Dichter, auf die Belebung und Bereicherung der heimischen Literatur ³). Durch Uebertragungen aus diesen Sprachen, der englischen und französischen, wenn sie auch keinesweges wörtlich, sondern sehr freie Bearbeitungen waren,) so wie bald darauf in der Zeit, wo die Städte empor- blühten und die Begriffe für Handel und Gewerbthätigkeit sich in der Sprache entwickelten und ansiedel- ten, gewann natürlich das Deutsche sehr an Umfang und Bildsamkeit, was noch gesteigert werden musste seit der Wiederherstellung der Wissenschaften, die nach der Eroberung von Constantinopel in germani- schem und romanisch christlichem Geiste wiedergeboren wurden.

Aus der Zeit nach der Reformation, deren grossen Einfluss auf die Gestaltung der Ideen und der Sprache wir schon oben anführten, genüge es nur in der Kürze zu erwähnen: wie Adam Olearius in sei- ner persianischen Reisebeschreibung und seinem Rosengarten unsere Sprache mit neuen morgenländischen Bildern und Wendungen bereichert, wie um die Zeit der Sprachmengerei und des rrdeKenulla Fran- zosenthums zu übergehn Thomasius und Chr. Wolf sie für den wissenschaftlichen Vortrag und die Philosophie gewannen, wie, nachdem seit Lessing der deutsche Geist wieder frei athmete und die Fesseln der geistigen Fremdherrschaft gebrochen waren, Wieland zuerst den Shakespeare in die deutsche Sprache ein- führte, wie Joh. Heinr. Voss das deutsche Idiom den antiken Rhythmen anpasste, und wie namentlich Herder sich das grosse Verdienst erwarb: alle Blüthen der Humanität zu pflücken, in einen deutschen Kranz zu flechten und die Dichtungen der verschiedensten Zeiten und Völker auf deutschen Boden zu verpflan- zen. Das reichste und unmittelbarste Uebersetzungstalent strahlt aber erst unsern Tagen in dem genialen Rückert, in welchem uns Indien, wie China und Arabien, erst recht nahe gebracht sind. Diese Universa- lität deutschen Geistes und deutscher Literatur ist in der neuesten Zeit bei der erhöhten Gegenseitigkeit und dem gesteigerten Verkehr der Völker noch unendlich vermehrt, so dass wir wohl sâgen können: dass das Schönste und Herrlichste was im Westen und Osten, im Norden und Süden, keimte, in deutschen Lauten spricht*).

³) Vgl. Jacob Grimm: deutsche Grammatik, II, p. 4. III, 748 u. s. w. ) Wigalois von Beneke Vorbericht XVII und XVIII und das Werk selbst v. 11673.

7) Die Poesie in allen ihren Zungen Doch wo sie nun auch sei hervorgedrungen, Ist den Geweihten eine Sprache nur, Von ihrem Ursprung trägt sie noch die Spur; Die Sprache, die im Paradies erklungen, Und ob sie dumpf im Wustenglutwind stöhne, Eh sie verwildert auf der wilden Flur. Es sind auch hier des Paradieses Töne.

Wenn erst der Menschheit Glieder, die zerstreuten,

Gesammelt sind ans europäische Herz,

Wird sein ein neues Paradies gewonnen,

So gut es blühn kann unterm Stral der Sonnen. Rückert. Als dies europäische Herz ist vorzüglich Deutschland au bezeichnen.