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die jüngere die heitere Kunst ist. Wo nun Tiefe der Religiosität ist, da wohnt auch Tiefe des Geistes und des Verstandes, wie Tiefe der Empfindung und des Gefühls, und wenn wir als Repräsentantin jener die Philosophie nennen, so brauchen wir wohl nicht erst eine längere Beweisführung zu versuchen: dass diese gerade in Deutschland die Thätigate Pflege, vielseitigste Förderung und tiefste Begründung gefunden hat, da dies durch das einstimmige Zeugniss fast aller Fölker zugestanden wird. Nehmen wir aus den gesammten Künsten nur die geistigste, die Dichtkunst, heraus, da diese uns hier zunächst berührt, so möchten wir die Lyrik als die besonders deutsche Gattung hervorheben. Diese aber ist gerade die sub- jektivste Weise der dichterischen Darstellung, indem sie Empfindungen und Gefühle, oder innerlich Gege- benes in seiner reinen Unmittelbarkeit, dem Worte einzuhauchen und das Aeusserliche in subjectiver Fär- bung, das Sinnliche sinnig, wiederzugeben sucht, wodurch sie zugleich die individuellste und mannichfal- tigste Dichtungsart wird, eben weil sie der geistige Wiederschein der verschiedenartigsten Gemüths- und Empfindungs-Weisen ist, und die unendlich reiche Tonleiter der innerm Welt in ihr erklingt. ⁴)
Es ist aber nicht allein die Religiosität, Tiefe und Innigkeit, oder der Reichthum der innern Lebens- erfahrung, was die heimische Literatur einer eifrigen Betreibung würdig macht, und sie vorzugsweise befä- higt, die edlern Bedürfnisse des Herzens zu befriedigen, mit ihren diamantnen Ketten die irdische Welt an die himmlische zu knüpfen und die Sehnsucht nach dem Höhern stets wach zu halten; nein, wir haben auch ein sehr belebtes Gemählde auf diesem Goldgrunde, wie Uhland einmal eben so wahr als schön sagt, es ist auch zugleich eine grosse Fülle der äussern Lebensgestaltung und eine grosse Mannichfaltigkeit K verschiedenartigsten Geistesentwickelung, deren Linien zu ihr, als zum gemeinsamen Mittelpunkte, führen und, durch ihren himmlischen Thau genährt, wieder erteuchtend, erwärmend und befruchtend in neuer Glorie sich ausbreiten. In ihr brechen sich gleichsam die Strahlen des gesammten Kulturlebens. Wie nämlich Europa von der Vorsehung zur Bildungsstätte der Erde besonders auch dadurch befähigt ist, dass es neben der reichsten Gliederung im Innern und Aeussern den übrigen Erdtheilen sich am meisten nähert, dass es nicht allein mit Asien zusammenhängt, sondern auch von Afrika und Amerika nur qurch leicht befahrbare Meere und verhältnissmässig kleine Räume getrennt ist, und so die verschiedenen Kulturkeime am leichtesten in seinen Schoos aufnehmen, verarbeiten, zu seinem geistigen Eigenthum machen und in neuer Gestalt wieder andern mittheilen kann, so oder ähnlich ist es mit Deutschland— besonders in der neuern Geschichte, wo mit der Reformation auch der Norden aus seinem geistigen Schlummer erwachte und sich eine Stelle im Reiche des Geistes erkämpfte,— im Verhältnisse zu den umliegenden Bildungs- Ländern; so dass Alles, was hier geboren wird, oft noch ehe es gereift ist und die Jahre der männlichen Kraft und Selbständigkeit erreicht hat, das deutsche Idiom erlernt, sich in deutscher Sprache bewegt und eben dadurch die Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit der deutschen Literatur fördern und mehbren hilft. Dieselbe hat aber nicht allein die Aufgabe das Dargebotene aufzunehmen und zu verarbeiten, sondern es auch in seiner tiefern Begründung und in seiner Vermittelung und Wiedergeburt durch den deut- schen Genius wieder mitzutheilen und zwar weniger sporadisch, hie und da anknüpfend und an den Aussengestaden landend, als vielmehr in langsamem, stetigem und mehr continentalem Fortschritte die ge- sammte europäische Kultur nach und nach zu verbreiten.
Der Einfluss der grössten Landnähe, in der Deutschland zu den verschiedenen Kulturheimathen steht und von ihnen gleichsam umgränzt wird, für Aufnahme und Umgestaltung fremder Bildungselemente wird noch sehr gesteigert durch die Beschaffenheit der Sprache selbst, die hier, als das eigentliche Medium der Uebertragung und als die Form, in welcher Fremdes in Heimisches umgegossen wird, von der höch- sten Bedeutung ist. 4) Wir übergehen hier den Rhythmus, die Tiefe, Innigkeit und den Reichthum der deutschen Sprache, und heben nur eines namentlich hervor: die Bildsamkeit und die Gefügigkeit derselben für das Eingehn in frenide Eigenthümlichkeiten und die sorgsame und glückliche Pflege derselben. Neben dem innern Organismus und dem Reichthume an Flexions- und Beugungsformen möchten wir dies beson- ders auch dem Umstande zuschreiben: dass unsere Sprache früh unf oft unter fremde gestossen und ge- zwungen wurde, mit diesen zu verkehren, wodurch ihr äusserer Sinn frühzeitig für Fremdes geschärft und auch eine innere Anschliessung an dasselbe und eine Fügung in dasselbe hervorgerufen wurde, die nur zu oft die Gränzmarke des Rechten und Guten überschritten hat, und mit einem fast gänzlichen Aufgeben des heimischen Wesens verbunden gewesen ist. Auch ohne dass wir zur Wurzel des grossen indo-germanischen
³) Ja, deutsches Lied, du musst den preis erringen, Dich schuf das Herz: sein Lied nur kann gelingen. 4 von Zedlitz. 4) Den Gedanken, die Empfindung treffend und mit Kraft, 4 Mit Wendungen der Kühnheit zu sagen, das ist 5 Sprache des Thuiskon— dir ein Spiel. 11 9n9 Klopstock.


