Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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und überhaupt die Erkenntniss sur Bildung erhebt, so ist es gerade diese, in der die verschiedenen Mo- mente des christlichen und philosophischen Bewusstseins zur Anschauung kommen, so fern die grossen Schlagschatten desselben alle Fasern der deutschen Literatur durchdringen.

Dass unsere deutsche Literatur namentlich in zweifacher Hinsicht, wegen ihrer Tiefe, besonders ihrer Gemüthstiefe, und ihrer Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit einer besondern Sorgfalt und einer eifrigen Be- treihung werth sei, dass in ihr die zweifache Dimension des geistigen Lebens, die nach Aussen oder in die Breite, und die nach Innen oder in die Tiefe, zu einem hohen Grade von Virtuosität ausgebildet ist, dies hängt mit der geographischen Lage und der dadurch hedineten historischen Entwickelung Deutsch- lands aufs innigste zusummen. Den letztern oder historischen Gesichtspunkt übergehn wir hier um so eher, da er in vielen Lehrbüchern der deutschen Literaturgeschichte, wie namentlich in dem Kobersteini- schen, nach seiner Wichtigkeit übefall hervorgehoben ist, und versuchen nur jene beiden Haupteigenschaf- ten in geographischer Beziehung näher nachzuweisen, und zwar so allgemein und kurz wie uns der enge Raum dieser Blätter und einer Einleitung Festattet. Wir heben besonders zweierlei hervor: die Lage überhaupt und die Individualisirung Deutschlands.

Schon darin dass Deutschland die Mitte oder das Herz Europas, des eigentlichen Kulturerdtheils bildet, schon darin dass es der Edelstein ist, ringsum eingefasst von verschiedenartigen andern Ländern, möchte liegen: dass das Land von der Vorsehung, die ja jedem Theile der Erde, als einem grossen Er- ziehungshause, seine Aufgabe gestellt hat, dazu bestimmt sei: das Herz und Gemüth der Menschen, oder überhaupt die tief innerlichen Lebensverhältnisse zu seiner Werkstätte zu machen, und so weniger dem äussern Treiben und der Oberfläche des Weltstroms seinen Blick zuzuwenden, als in die Tiefe seiner Fluthen hinabzusteigen und da die Perlen des ewigen Lebens zu sammeln. Eben in dieser Richtung nach der Tiefe und nach dem Innern wurzelt die Religiosität und Gemüthsinnigkeit, worin dem deutschen Volke kein anderes gleich kommt, und wodurch so manche historische Verhältnisse bedingt sind; denn erst bei solchen Stämmen, wie die germanischen waren, fand das Christenthum einen so empfänglichen und ge- deihlichen Boden, dass es da feste Wurzeln schlagen und von da seine Fruchtzweige über die ganze Welt ausdehnen konnte; erst bei diesen konnte es so gedeihen, dass es eine so rohe und ungebändigte Gewalt, wie sie uns im Mittelalter entgegentritt, zu brechen vermochte; die Demuth und der Stolz, die Entsagung und die Eroberungslust, der Gehorsam und das Machtgebot, der kecke Trotz und die hingebende Liebe, kurz alle die verschiedenartigen Gegensätze, die uns im Mittelalter überhaupt und in einzelnen Genoss enschaf- ten ins Besondere, wie namentlich in den Ritterorden, entgegenleuchten, haben alle ihren ersten und tief- sten Grund in der einzigen Yerbindung und Darchdringung einer wilden und ungeschwächten Natur- kraft mit der regen Empfänglichkeit und herzinnigen Hingebung an den Glauben. Es ist aber nicht al- lein das Mittelalter, in dem wir den deutschen Character in seiner vollen Eigenthümlichkeit hervortreten sehn, sondern auch die neuere Geschichte bekundet uns denselben in vielfacher Hinsicht. Deutschland hatte nämlich in der Völkerwanderung viele seiner Söhne nach fremden Ländern gesandt, deren nicht we- nige des heimathlichen Landes vergassen und mit der fremden Luft unter einem fremden Himmelsstriche auch fremde Sitten, Gewohnheiten und äusserliche Lebensansichten einathmeten. Während diese sich so einem flüchtigen Rausche des Daseins mehr hingaben, blieb das Stammland seinem Ernste und seiner Tiefe treu; während jenen die Religion oft nur ein äusserer Dienst wurde, blieb sie hier die wichtigste Angelegenheit des Herzens, und während daher beim Beginne der neuern Geschichte der Portugiese im Osten, der Spanier im Westen, neue Länder entdeckte, der Franzose in der neuen Gestaltung höfischer Galanterie sein höchstes Ziel fand, der Engländer der Befestigung der königlichen Gewalt diente, die östlichen Völker gegen sinnliche Gewalten ihre Staaten zu ordnen und zu erweitern suchten, da wandte der deut- sche Reformator das Schiff in das Innere des Menschen, und entdeckte da neue Welten und in diesen neue Schätze, und zwar solche, die nicht unter der Erde zu finden sind, sondern die uns über die Erde erheben, und deren Besitz ein köstlicheres Gut ist als Gold und Edelsteine, denn er ruht ja in den tie- fen Schachten des Herzens. Das erste Buch der deutschen Literatur überhaupt ist die Bibelübersetzung des Ulphilas, das erste und wichtigste der neuern Zeit die Bibel Luthers, nicht allein von unendlichem Einflusse durch seinen, nun Allen geöffneten, Inhalt, sondern auch durch seine Form, da ja durch sie die neuhochdeutsche Sprache vorzugsweise begründet wurde. Schon dies einfache historische Faktum im Be- treff des Hervortretens dieser beiden Werke, die gleichsam als leuchtende Feuersäulen an den beiden Hauptmarken der germanischen und somit der allgemeinen Geschichte stehen, scheint mir laut genug die

Grundrichtung des deutschen Genius zu bekunden. 3 1

Wenn wir so der deutschen Nation und ihrer Literatur die Religiosität und vor allen Dingen die in- nigste Hingebung an die Religion der Liebe vindiciren müssen, so steht diese Erscheinung keinesweges allein da, sondern breitet ihre Zweige nach allen Seiten aus. Wie die Religion in alle Kreise* irdischen Daseins eingreift, so durchdringt sie noch mehr alle Sphären des geistigen Lebens, und wir möchten sie somit als Mutter von zwei Töchtern bezeichnen, von 5 die ältere die ernste Wissenschaft,

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