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eigner Prüfung, aber eben darum auch als ein freies und wahres Eigenthum sich aneignet. Dieses indi- viduelle Bewusstsein zu stärken und zu kräftigen, und es doch recht zu lenken, damit das Selbstgefühl nicht übersprudele und zu weit gehe, dieses Gefühl der Selbständigkeit gewähren zu lassen, dass es sich frei entwickele, und es doch bei aller Freiheit der Bahn auf dem rechten Wege zu halten, diese erwa- chende Freude am geistigen Leben und Gestalten zu nähren, und dabei doch die Grundpfeiler der jugend- lichen Tugend, Demuth und Bescheidenheit, stets im Auge zu behalten und auf sie hinzuwirken, dies er- fordert die ganze Energie des Lehrers, damit diese Freiheit zu Religion und Wissenschaft, zu Gesetz und Recht, zu Moral und Sittlichkeit, wie überhaupt zu den sittlichen Mächten des Lebens, in ein rechtes und ebenmässiges Verhältniss trete, und das Einzelne mit dem Ganzen, das Besondere mit den tiefern Forde- rungen der Zeit und ihrer Entwickelung geeint werde ¹).
Wenn wir die deutschen Stunden als den Höhe- und Mittelpunkt aller andern Lehrstunden betrachten, und sie sich in dieser wie in mehrfacher Rücksicht zunächst an den Religionsunterricht anschliessen, so möchten wir auch behaupten: dass sich in ihnen die Lehrthätigkeit in ihrer vollsten Blüthe zeigen, und sich gerade in ihnen herausstellen müsse: dass die Pädagogik nicht allein eine Wissenschaft sondern auch eine Kunst sei. Reichthum an Kenntnissen, eine Fülle von Gelehrsamkeit und die Gabe sich klar und anschaulich mitzutheilen reicht hier nicht aus, sondern gerade in ihnen und namentlich in den deutschen Aufsätzen werden an den Lehrer die Forderungen gemacht: in die Tiefen des jugendlichen Herzens hinab- zusteigen, da die Gefühle und Triebe in ihrer Entfaltung zu belauschen, Irrthümer bis auf den Grund zu verfolgen und edle Vorsätze in ihrem innersten Lebenskerne zu befestigen. Doch auch diese praktische Ausübung der Jugendpsychologie, wohei die Fähigkeit verlangt wird, sich seiner ganz zu entäussern und sich in das Seelen- und Geistesleben der Jugend zu versetzen, ist mehr der negative Theil dieser pädago- gischen Kunst. Der Lehrer muss hier auch als schaffender Künstler thätig sein. Der Gegenstand seiner Kunst ist wie überhaupt so namentlich hier: die Bildung eines freien Individuums, im reinsten und edel- sten Sinne des Wortes, die Erhebung des Menschen zum göttlichen Ebenbilde. Während aber jeder an- dere Künstler seinen Stoff frei handhaben und sich die Parbe wie den Marmor nach Belieben dienstbar machen kann, hat es der Lehrer, besonders in den höhern Klassen, mit einem Kunststoffe zu thun, der mit freiem Willen begabt ist, in freier Weise behandelt sein will, und bei dem selbst die freie Eigen- thümlichkeit gefördert werden soll, jedoch so, dass er zu einem harmonischen Verhältnisse und wirksamen Gliede mit dem Leben und seinen Forderungen eingebildet werde. Die Schwierigkeit der Aufgabe an die Kunstthätigkeit des Lehrers wächst mit der Zahl und Verschiedenartigkeit der zu bildenden Individuen, denn das gehört mit zu seinen ersten und wichtigsten Pflichten: dass ja keiner verloren gehe und bei al- ler Verschiedenartigkeit doch jede Figur in der reichen plastischen Gruppirung, je nach der Besonder- heit der Stellung und Beleuchtung, als Hauptfigur gepflegt und gestaltet werde. ⁴*
Es ist nicht unser Zweck hier eine erschöpfende Behandlung dieses Gegenstandes zu versuchen, und wir. übergehn daher die einzelnen Forderungen, die hier namentlich in Betracht kommen, die grammatischen wie die rhetorischen, die logischen wie ästhetischen, und wenden uns zu einem besondern und einzelnen Zweige am Baume des deutschen Unterrichts, zur deutschen Literaturgeschichte, die noch nicht überall die gebührende Anerkennung gefunden hat ²). Sie aber ist es gerade, die den Knaben und Jüngling mit der eigentlich deutschen Denk- und Anschauungsweise bekannt macht, und die gerade in der Gegenwart ein um so nothwendigeres Bildungsmittel ist, weil unsere Zeit zu sehr in äussern Bestrebungen und mate- riellen Interessen befangen ist: dass dabei die Gefühls- und Gemüthsbildung immer mehr in den Hinter- grund tritt, welche vorzüglieh aus der heimischen Literatur die reichste Nahrung schöpfen und durch die- selbe am meisten gepflegt und gefördert werden kann. Nicht minder ist es bei den verschiedenartigen Be- strebungen, die sich jetzt durchkreuzen, und den verschiedenartigen Bildungselementen, die sich bei dem gesteigerten und erleichterten Verkehre Anerkennung zu verschaffen suchen und sich um das Bürgerrecht streiten, nothwendig: dass der an sich schon unstäte und schwankende jugendliche Geist sich gleich in der Tiefe seines Herzens und seiner Volksthümlichkeit eine feste Grundlage zu sichern sucht, statt leicht- sinnig von einer Blume zur andern zu flattern und den bittersüssen Lebensüberdruss zu trinken, der das Grab aller jugendlichen Unbefangenheit und Lebensfrische ist. Die Muttersprache und namentlich auch die deutsche Literatur ist es erst, die den Gymnasialunterricht zu einem harmonischen und abgerundeten macht, so fern durch sie hauptsächlich das moderne Element gegen das antike vertreten wird, und wenn jene vorzugsweise den höhern Zweck desselben, die religiöse und philosophische Bildung, mit realisiren hilft,
¹) Diese Ineinsbildung des Individuellen und Allgemeinen, des Triebes und der Vernunft, iat es, was Schiller in
. seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen genauer behandelt. 1 e 3.
²) Wenn wir ihn auch keineswegs so weit ausdehnen möchten, wie Graff in seiner Einleitung zur Evangelien- harmonie des Otfried..


