. den schwierigsten und wichtigsten Disciplinen auf Semnerien gehört der Unterricht in der Mutter- sprache, denn er ist der End- und Zielpunkt, in dem sich alle andern Unterrichtsgegenstände concentri- ren, da mit und durch ihn der gesammte Lehrstoff, auf eine eigenthümliche Weise verarbeitet zur klaren und schönen Darstellung hervorgebildet werden soll. Wenn so alle andern Lehrstunden, nach der Verschiedenheit ihrer Gegenstände, mehr oder minder für die deutschen arbeiten, sind diese es recht ei- Fenttlioh. die als die gemeinsame Sonne und der gemeinsame Brennpunkt ihre Strahlen wieder auf alle an- ern verbreiten, ist es besonders die hier angezündete Fackel klarer Anschauung und klarer Darstellung, die mit ihrem Lichte alle, und auch die verschiedensten Gebiete des Geistes, erleuchtet und erhellt. Sollen wir es kurz bezeichnen, so ist der Zweck der deutschen Stunden und namentlich der deutschen Aufsätze: die Vermittelung und Versöhnung zwischen dem Allgemeinen und Besondern, dem Objektiven und Subjek- tiven, dem Universellen und Individuellen, dem Inhalte und der Form, indem durch sie der Schüler dazu
eeführt werden soll: eine Wahrheit, einen Gedanken oder überhaupt etwas Geschehenes in eigenthümlicher Neise aufzufassen, und es, den Gesetzen des Wahren und Schönen gemäss, in seinem individuellen Anhauche und in seiner besondern Färbung wieder hervorzubringen und darzustellen, so wie auch wiederum das, was das eigene Herz bewegt und durchzittert, seine Peu hen wie seine Schmerzen, sein Hoffen wie sein Fürch- ten, sein Ahnen wie sein Fühlen, aus dem tiefen Schachte des Innern ans Tageslicht zu fördern und auch Andern klar darzulegen. Das Objektive soll mithin subjektivirt und das Subjektive objektivirt werden, und sie sollen ein Doppelspiegel sein, worin sich die Bilder der Aussen- und Innenwelt begegnen und concentriren, der Mittelpunkt der Erde, zu dem Zenith und Nadir führen. Mit dieser Forderung an indi- viduelle Abrundung und Gestaltung hängt es nothwendig zusammen: dass nicht allein die Gedanken klar entwickelt, die Gefühle elantert, der Wille geregelt, mit einem Worte, das Dunkel des Innern erhellt und aus dem Zustande der Unklarheit zur Klarheit erausgebildet werde, sondern auch: dass dieser geistige Inhalt den allgemeinen Sprach- und Denkgesetzen gemäss so ausgesprochen werde, dass bei aller Allge- meinheit doch die Individualität bestehe, und eben in dieser gegenseitigen Ausgleichung und Wechselwir- kung eine schöne Einheit gebildet werde.
Den Schüler zu einer klaren und schönen Feistigen Individualität zu bilden, können wir somit na- mentlich als die Aufgabe der deutschen Aufsätze bezeichnen. Denn wenn auch bei der schriftlichen Dar- stellung in jeder Sprache immer eine gewisse individuelle Färbung mit vorhanden sein muss, selbst bei der plastischen Oljeneivitht und Anschaulichkeit der alten Sprachen, namentlich der lateinischen, so kann sich doch nie in ihnen das Eigenthümlichste, Innerlichste und Tiefste des Herzens so aussprechen, als in den heimischen Lauten und in den Tönen, die der Einzelne mit der Muttermilch eingesogen, in der er zuerst seine Freuden wie seine Schmerzen lallte, und die die erste traute Gefährtin und Dolmetscherin seiner kindlichen Gefühle war, auf deren geistigem Mutterboden er entsprossen und mit der er von Jugend an durch das Band der innigsten Herzensgemeinschaft und gegenseitigsten Sympathie vereinigt war. Die Schwierigkeit der Aufgabe steigt aber mit den Jahren, denn je früher desto allgemeiner und gemeinsamer sind die Vorstellungen und Begriffe, mit den Jahren aber beginnt die besondere Eigenthümlichkeit des Einzelnen mehr hervorzutreten und sich geltend zu machen. Bie selbständige Herausbildung der Indivi- dualität und Persönlichkeit aber, womit das Bedürfniss der eigenen Deherzeiſcun nothwendig verbunden ist, und das gläubige Aufnehmen und unbedingte Hingeben an die Aussprüche des Lehrers sind wie die divergirenden Linien, so dass die eine steigt, wenn die andere fällt. Des würdigen und wackern Lehrers Wort ist dem Kinde ein Orakel und ein göttliches Gebot; dem Knaben ein Lrh deen menschlicher Aus- druck, wogegen er den Zweifel mit dem„er hats gesagt“ genügend zurückzuweisen glaubt; dem Jüng- linge eines theuern Freundes Wort, dessen geistige und sittliche Ueberlegenheit er zwar anerkennt, dem er aber schon mit einer geistigen Selbständigkeit des Urtheils und eigenthümlichen Freiheit,— nicht zu verwechseln mit voreiliger Einbildung— entgegensteht, so dass er es nicht unbedingt, sondern erst nach
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