6— Rede, und es wäre doch eine auffallende Kürze, die sich Sallust hier erlaubt hätte, wenn er mit dem Worte eeteros auf Leute hinwiese, von denen vorher noch gar nicht gesprochen worden ist, und die man nur aus den Worten cap. 38, 1. tribunicia potestas restituta est suppliren könnte. Gerlach be- zieht céteros auf die Gegenpartei der pauci, die durch die Anklagen abgeschreckt werden sollten, das Volk aufzureizen während der Amtsdauer der pauci. Kritz und mit ihm Jakobs verstehen unter ceteros die übrigen Glieder der Adelspartei, die, wenn sie auch Anspruch auf gleiche Macht mit den pauci machten, doch nicht diese potentia paucorum erlangt hatten und deshalb den pauci entgegen arbeiteten.
Noch schwieriger sind die Worte quo plebem in magistratu placidius tractarent zu erklären. Mit Herzog die Worte quo placidius durch ein vorher zu ergänzendes eo magis zu erklären, geht gar nicht an; abgesehen von der sehr auffallenden Auslassung des eo magis wäre es doch auch ein sonderbarer Ausdruck: mit je grösserer Milde die ceteri das Volk behandelten, um so mehr schreckten die pauci ihre Gegner durch Anklagen. Dass aber das Volk von jenen milde behandelt worden sei, davon ist nirgends etwas gesagt. Dazu kommt noch, dass placide tractare im Sinne von: gelind be- handeln bei Sallust nicht vorkommt, sondern nur in dem Sinne: jemanden so behandeln, dass er ruhig ist oder bleibt, wie Jug. 41, 2. Nam ante Carthaginem deletam populus et senatus Romanus placide modesteque inter se rempublicam tractabant: sie behandelten, d. h. sie verwalteten, leiteten den Staat in friedlichem Sinne, so dass er friedlich, ruhig blieb. Aehnlich verbindet Sallust Adverbia auch mit andern Verben: 2
ef. Cat. 11, 5. quod L. Sulla exercitum, quem in Asia ductaverat, quo sibi fidum faceret, contra
morem majorum luxuriose nimisque liberaliter habuerat.—
Jug. 85, 34. neque illos arte colam, me opulenter.
Or. Licini in pleb. 13. nisi viceritis, quoniam omnis injuria gravitate tutior est, artius habebunt. Der Gegensatz zu placide tractare ist turbide tractare, das sich bei Tacit. Ann. 3, 12. findet: simulque illud reputate, turbide et seditiose tractaverit exercitus Piso, so behandelte, dass es in Aufregung und Aufruhr gerieth.
Als Subject zu tractarent ist dann dasselbe Subject wie im Hauptsatze terrere zu ergänzen, also vielleicht ipsi.
Kritz schlägt vor, quo in qui zu verwandeln und dieses auf ceteri zu beziehen: sie schreckten die Uebrigen durch Anklagen, da diese das Volk zu gelind behandelten; und einen ähnlichen Sinn würde die in einigen Handschriften sich findende Lesart quod statt quo ergeben. Vielleicht könnte man, nach einem mir gemachten Vorschlage des Herrn Director Dr. Weidner, quo aus quom (= quum) entstanden erklären und die Stelle so auffassen: alle übrigen schreckten sie durch Anklagen, während sie(ipsi) das Volk gelinder behandelten. Denn dass ein Gegensatz zwischen ceteri und plebem stattfindet, ist schon aus der Stellung von plebem zu erschen.
Am leichtesten wird man die ganze Stelle so verstehen, wenn man ceteri weder auf die tribuni plebis oder auf die Führer der demokratischen Partei, noch auch allein auf diejenigen unter den Aristokraten bezieht, die das Volk während ihrer Amtsdauer gelinder behandelten, sondern auf alle Gegner der pauci(ceteri= 0d α2o⁵), die auf Amtsgewalt Anspruch machten und beim Streben dar- nach unterlegen waren. Diese schreckten die pauci durch Anklagen, während sie das Volk, so lange sie im Amte waren, gelinder behandelten, also in grösserer Ruhe hielten, und indem sie so nach dem Grundsatze divide et impera verfuhren, konnten sie ihre Macht ungestört gebrauchen. Die Worte in magistratu beziehen sich also auf die Amtsgewalt der pauci, da ja Sallust selbst vorher gesagt hat, dass nur diese im Besitze derselben gewesen seien. Bezöge es sich auf die Amtsgewalt der ceteri, so hätte jedenfalls tractassent gesetzt werden müssen, indem die ceteri nicht mehr in magistratu waren. . Damit lässt sich auch leicht das gleich darauf folgende eorum animos erklären, indem hier- unter nicht blos die Gemüther der plebs verstanden sind, sondern aller derer, die vorher unterdrückt


