Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
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Geistlicher gewesen: Das geht aus der Art seiner Quellen unzwei- felhaft hervor. Er beruft sich hierbei besonders auf die Ausfüh- rungen von Kauffmann in der Zeitschrift für deutsche Philologie 32,517, wo ein Zusammenhang zwischen dem Heliand und dem Matthäuskommentar des Paschasius Radbertus gezeigt werden soll.

Zuletzt hat die Frage nach dem Stande des Dichters Bruckner in dem Aufsatz behandelt: der Helianddichter eine Laie; wissen- schaftliche Beilage zum Bericht über das Gymnasium in Basel Schuljahr 1903/04. Während sich Jostes in seiner Untersuchung auf das Verhältnis des Heliand zu Tatian beschränkt hat, wird hier dasselbe auch auf die anderen Vorlagen ausgedehnt, da die Be- nutzung zahlreicher gelehrter Kommentare zum Beweise für die Annahme herangezogen wird, daß der Dichter ein Geistlicher ge- wesen sei. Auch er sucht mit Recht, aus der Umgestaltung und Veränderung des biblischen Berichtes das Verhältnis des Dichters zu Tatian festzustellen. Die von Jostes gegebene Auslese über Stellen, die die Unwissenheit des Dichters verraten, ergänzt Bruckner ganz erheblich. Er weißt hin auf Fehltritte gegen Geo- graphie und Geschichte, auf die mangelhafte Uebersicht des Dichters selbst, auf Abweichung und Aenderungen der Erzählungen der Evangelien. Hier können die Hauptargumente in seiner Beweis- führung nur angedeutet werden. Von den mitgeteilten Aenderungen des biblischen Berichtes verdienen besondere Beachtung: Die Na- mengebung des Johannes, die Darstellung Jesu im Tempel, das erste Auftreten des Johannes, die Gestaltung der Bergpredigt hin- sichtlich der namentlich von Fitte 21 v. 1801 zu Tage tretenden Unordnung der Gedanken mit Uebergehung der Aussendung der Jünger, die Kreuzigung Christi und das Gleichnis vom Sämann. Ganz richtig folgert nun Bruckner, daß der Dichter nicht direkt nach Tatian gearbeitet hat; auch in der sich nun notwendig weiter ergebenden Schlußfolgerung, daß der Dichter ein Laie war, müssen wir ihm zustimmen. Auslassungen beliebter Stoffe, die an sich wenig beweisend sind, geben mit der für unsere Zwecke be- deutenderen Inkonsequenz des Dichters in der Wiedergabe der Ei- gennamen und der stellenweisen Abweichungen von der Kapitelein- teilung Tatians einen weiteren Grund für seine Annahme ab. Da- zu kommen einige Zutaten des Dichters und die streng durchge- führte Episierung der Gestalten und Vorgänge der Bibel in ger-