Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2b

manischem Geiste, namentlich im Hinblick auf Ausschmückungen, die dem biblischen Berichte entgegenstehen. In der Untersuchung über das Verhältnis des Dichters zur gelehrten Literatur der da- maligen Zeit kommt Bruckner zu dem Ergebnis, daß die anderen Vorlagen seltener benutzt worden seien, als man bisher annimmt, namentlich seien Schönbach, Jellinek und Sievers in der Beant- wortung dieser Frage zu weit gegangen.** Bruckner kommt auf Grund seiner eingehenden Forschung zu dem Schlusse, daßder Dichter ein des Lateins unkundiger Laie gewesen sei, der seinen Stoff von einem Geistlichen übermittelt erhielt.Eigentliche Ge- lehrsamkeit macht sich jedenfalls im Gegensatz zu Otfrieds Werk im Heliand nirgends breit außer an einer Stelle.

Zum Schlusse sei noch eine Ansicht erwähnt. Auf der XI. Hauptversammlung des deutschen Neuphilologenverbandes in Köln hielt Trautmann einen Vortrag über den Heliand. Hier vertrat er die Ansicht, daß das Epos in den Hauptbestandteilen auf alt- englischen Dichtungen beruhe und lediglich eine Uebersetzung ins Altsächsische sei. Ein nähere Begründung dieser Theorie ist, so- weit mir bekannt. noch nicht erschienen.

1. Schönbach, Deutsches Christentum vor tausend Jahren, Cosmopolis 1(1896).

2. Meines Erachtens muß bei Beurteilung dieser Frage auch die Mög- lichkeit in Erwägung gezogen werden, daß dem Dichter durch Predigten, die er im Gottesdienste hörte, Stoff gegeben wurde, schwierige Stellen durch ei- gene Zusätze zu erläutern. Daß die Prediger, die ja doch Geistliche waren, zum Verständnis des biblischen Textes die gelehrte Literatur zu Rate zogen, dürfte wohl sicher sein. Mithin können die Zusätze des Dichters sehr wohl

an Kommentare erinucrn, ohue daß der Dichter oder sein geistlicher Berater diese bei jeder sich findenden ahnlichkeit benutzt haben müssen. Diese Annahme ist um so ansprechender, wenn wir bedenken, daß sowohl die geist- liche als auch die weltliche Obrigkeit ein Jnteresse daran haben mußten, daß

dem Volke durch anschanliche Predigten das Wort Gottes möglichst leicht verständlich gemacht wurde, zumal in einer Zeit, da die Missionstätigkeit noch nicht abgechlossen war, wie dies ja für Sachsen zur Abfassungszeit des Heliand der Fall war. Einem Manne, der ein so herrliches Epos schuf dürfen wir nicht, wie es so oft einseitig geschieht, die Fähigkeit absprechen, auch eigene Gedanken in seinem Werke verwandt zu haben, ja wir müssen, sogur, sofern wir ihn als Dichter ansprechen sollen, verlangen, daß er eigene Zusätze zu geben vermochte. Es ist aber auch kein Grund zu der Annahme vorhanden, einem Laien des 9. Jahrhunderts jegliche Kenntnis in theologischen Fragen absprechen zu müssen.