— 18—
denkbar, daß ihm mehr übermittelt wurde, als er verarbeitete? Weiterhin weist Jostes darauf hin, daß der Dichter, wenn er aus den Quellen selbständig ohne fremde Beihülfe geschöpft hätte, ein Mann von gelehrter, geistlicher Bildung gewesen sei. Jedenfalls mußte er in der theologischen Literatur ebenso beschlagen sein wie z. B. Otfrid. Prüft man aber den Heliand und den Krist unter diesem Gesichtspunkte, so machen sich Abweichungen bemerk- bar, die weder der verschiedenen Form— Alliteration, Endreim— noch auch ihrem verschiedenen dichterischen Talente zuzu- schreiben sind. Während der Franke vermõöge seiner gelehrten Bildung in allen theologischen Punkten das Richtige getroffen hat, begeht der sächsische Sänger oft derartige Fehler, die nicht ein- mal einem gewöhnlichen Priester ohne gelehrte Bildung unterlaufen wären. Hier macht Jostes auf Versehen aufmerksam, die ein Geist- licher nicht so auffassen konnte wie der Helianddichter, mithin für einen Laien als den Verfasser des Gedichtes sprechen. Zuerst wird auf einige Stellen hingewiesen, die eine grobe geographische und historische Unwissenheit des Dichters verraten. Von der Ein- teilung Palästinas z. B. weiß er gar nichts, und sie müßte doch in erster Linie bei ihm vorausgesetzt werden, wenn er eingehende theologische Studien gemacht hätte. An anderen Stellen weicht der Dichter von der Vorlage ab, diese Abweichung ist aber nicht dadurch begründet, daß er den Text bessern oder leichter faßlich machen will, sondern sie verraten z. B. eine grobe theologische Unwissenheit des Verfassers. Sie ist sowohl in der Wiedergabe der Evangelien wie auch in der Behandlung dogmatischer Fragen gar nicht selten zu beobachten. Aus diesen Gründen kommt Jostes zu dem Schlusse daß der Helianddichter ein Hochbegabter, aber nicht gelehrter Voikssänger war, daß ihm der Stoff homilienartig über- mittelt worden ist.
Diese Ansicht fand nicht allgemein Beifall. Sievers hält seine in der Vorrede vertretene Ansicht auch in Herzogs Realencyclopädie für protestantiche Theologie und Kirche(7, 617 ff) aufrecht, Wrede kann nur in einem gebildeten Geistlichen den Verfasser des Heliand erblicken(Zeitschrift für deutsches Altertum 43,349). Behaghel sagt in seiner Vorrede zur Ausgabe des Heliand und der Genesis Halle 1903 S. XV.:„Ueber die Persönlichkeit des Heliand- dichters läßt sich nur das eine mit Bestimmtheit sagen, daß er ein


