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quidam vir' genannt werde. Ansprechend sei die Annahme Win- dischs allerdings aus dem Grunde, weil sie am ehesten den An- forderungen Ludwigs Rechnung trägt. Da sich Ludwig wie be- reits erwähnt, lediglich von praktischen Grundsätzen bei der Ab- fassung des Gedichtes leiten lies, nämlich das Christentum zu be- festigen, so mußte er sich natürlich nach einem Mann umsehen, der das Gedicht auch bekannt machen konnte. Daß das aber ein berufsmä- Biger, im Volke lebender Sänger weit eher vermochte als ein von der Welt abgeschlossener Mönch, liegt auf der Hand. Unannehm- bar ist die Ansicht Windisch für Jostes aber deshalb, weil sie die Schwierigkeiten nur vorschiebt, nicht aber beseitigt. Denn wenn zu jener Zeit in der Tat ein berufsmäßiger Sänger lebte, der seine Vorbildung in einer Klosterschule genoß und das Latein beherrschte, so sei von da bis zur eingehenden Kenntnis der theologischen Li- teratur, auch der neuesten, eine weite Kluft. Untersuche man die Präfatio allein, so könne aus ihr nur gefolgert werden, daß Lud- wig einem Volkssänger ohne gelehrte Bildung seinen Auftrag er- teilt habe. Bevor Jostes mit seiner Ansicht über die Person des Helianddichters hervortrat, hat man überall angenommen, daß der Dichter dem geistlichen Stande angehört habe, und daß der Schreiber der Präfatio hierüber keinen Bescheid gewußt habe. Allenthalben sträubte man sich gegen die Annahme, dem Dichter sei der Stoff zu seinem Werke durch Zwischenpersonen vermittelt worden. In der Vorrede zur Heliandausgabe sagt Sievers S. XLIII.:„Es ist nur ein verzweifelter Einwand, daß man sagt, der Dichter habe seine Quellen aus dem Munde eines übertragenden geistlichen Führers bekommen, wie das von Beda über Caedmon berichtet wird. Dann fiele, wie Windisch S. 45. bemerkt, gerade diejenige Tätigkeit, in welcher die Hauptstärke unseres Dichters sich zeigt, die künst- lerische Auswahl des aufzunehmenden Stoffes, dem unpoetischen Mönch zu, welcher das Uebersetzeramt versah. Doch solche Dinge wird hoffentlich Niemand mehr im Ernste behaupten wollen.“ Das, was Windisch-Sievers gegen den„verzweifelten Einwand“ anführen, wird mit Recht als Gefühlsgrund zurückgewiesen, der wenig oder gar keine Beweiskraft besitzt. Ganz richtig fragt Jostes, ob denn poetisches Verständnis und dichterische Kunst das- selbe seien. Muß denn einem Laiendichter die Auswahl des zu be- handelnden Stoffes durchaus abgesprochen werden, und ist es nicht


