Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
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vates habebatur' erklärt werden? Sind unter suos' monachi' oder Saxones' anzunehmen? Mit recht entscheidet man sich einstimmig für Saxones. War aber der Dichter bei den Sachsen schon als berühmter Sänger bekannt(habeb atur), als ihm Ludwig die Ab- fassung des Gedichtes übertrug, so kann er doch nur durch welt- liche Dichtungen berühmt geworden sein. Durch religiöse Dich- tungen schon deshalb nicht, weil dann der Auftrag Ludwigs, der sich bei der Abfassung des Gedichtes lediglich von dem praktischen Grundsatze leiten lies, das Christentum in Sachsen zu befestigen, unerklärlich wäre, da ja in diesem Falle die Sachsen religiös christliche Poesie hatten. Von den 2 Möglichkeiten, die nur denk- bar sind, nimmt Windisch an, daß der Dichter noch in seinem Be- rufe als Volkssänger tätig war, als ihm Ludwig seinen Auftrag erteilte, während Koegel die Ansicht vertritt, daß er seinen Beruf bereits mit der Kutte vertauscht hatte, seine Gedichte aber im Volke weiter lebten. Gegen diese Annahme macht Jostes geltend, daß sie nicht mit den Bildungsverhältnissen des 9. Jhdts. im Einklang stehen. Denn trat ein berufsmäßiger Sänger ins Kloster, so wurde er da- mit noch kein gelehrter Geistlicher, wofür doch Koegel den Dich- ter hält. Auch muß der Dichter schon in den besten Lebensjahren gestanden haben, da er sich ja als Volkssänger bereits einen Namen erworben hatte. Zu beweisen wäre dann auch noch, daß sich die Mönche der Mühe unterzogen hätten, aus Männern in den besten Jahren Gelehrte zu machen. Dagegen sind wohl Fälle bekannt, daß sogar sehr angesehene Männer als Laienbrüder ins Kloster aufgenommen wurden. Weiterhin betont Jostes, daß es damals sehr schwer war, sich die Wissenschaften anzueignen, daß die Mönche bereits als pueri oblati im zarten Knabenalter dem Kloster übergeben wurden. Der hl. Liudger z. B. wurde bereits als Knabe einem Lehrer über- wiesen, als er zum Priester geweiht wurde, war er bereits ein reifer Mann. Angesichts solcher Schwierigkeiten ist es zu verstehen, daß Windisch den Dichter zu einem in seiner Jugend wissenschaft- lich ausgebildeten nobilis machte, der, nachdem er die schola exterior eines Klosters verlassen, dem Stande der Volkssänger beigetreten sei. Auch hiergegen macht Jostes Front. Er erwähnt nur, es sei sehr bedenklich, daß die schola exterior eines Klosters einem Volkssänger die rechte Vorbildung übermitteln konnte, daß ein nobilis fahrender Sänger gewesen sei, daß ein nobilis schlechtweg