Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Rückert mußte, um konsequent zu bleiben, die Echtheit der Prä- fatio leugnen, aber angesichts der Schwierigkeiten, die sich aus der Präfatio einerseits und dem Gedichte andererseits für die Fest- stellung der Persönlichkeit des Dichters ergeben, sich dadurch zu helfen, daß man mit dem allgemein als echt anerkannten Teile das eine beweist, das andere nicht anerkennt oder doch als zweifelhaft hin- stellt, geht, wie Jostes ¹* ganz mit Recht hervorhebt, nicht an. Daß hier nur 2 Wege offen stehen, muß ihm jeder zugeben: 1. Die Präfa- tio ist gefälscht oder sie ist nicht mit dem Heliand in Verbindung zu setzen, gut, dann kann mit ihr überhaupt nichts für unsern Zweck bewiesen werden. 2. Sie ist echt, dann muß alles, was aus ihr gefolgert werden kann, auch anerkannt werden. Für das letztere entscheidet sich Windisch. Bekanntlich ist die Präfatio kein Vor- wort zu dem Gedichte, sondern ein Brief über das Gedicht. Ferner steht fest, daß Schreiber und Empfänger keine Deutschen, wahr- scheinlich auch keine Germanen waren, denn es wäre völlig un- nötig gewesen, einem Angelsachsenvitteas' durch ectiones vel sententias' zu erklären. Der Inhalt des Gedichtes muß dem Schreiber gut bekannt gewesen sein Da aus der Präfatio hervorgeht, daß er kurz nach Fertigstellung des Heliand lebte und schrieb(nuper), konnte er ohne große Mühe das in Erfahrung bringen, was von dem Dichter in dessen Heimat bekannt war. Auch er muß dort ziemlich Bescheid gewußzt haben, denn das Wortfitte ist ihm etwas ganz gewöhnliches. Auch das dürfen wir ruhig annehmen, daß er ein Geistlicher war. Wie redet er aber von dem Verfasser des Heliand? Er nennt ihn einfach quidam vir. Ganz richtig be- tont Windisch, daß er ihn sicherlich quidam monachus oder quidam clericus genannt hätte, wenn er wirklich ein Mönch oder Geistlicher gewesen wäre. Weiterhin weist Jostes darauf hin, daß der Dichter in der Präfatio vates' genannt wird. Man muß Sievers allerdings zugeben, daß vates' nicht immer so viel wie Volkssänger heißt, aber in der Regel hat es diese Bedeutung und angesichts der Benennung des Dichters mit quidam vir' und der ganzen Hal- tung der Präfatio kann man mit Jostes ruhig annehmen, daß der Schreiber vates' hier im Sinne vonVolkssänger aufgefaßt wissen will. Wie soll denn sonst die Stelle qui apud suos non ignobilis

1. Zeitschrift für deutsches Altertum, 40. 341 fl.