Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
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von Beruf, ein Laie, gewesen. Da aber kam die Forschung nach den Quellen des Heliand und mit ihr ein Umsturz der bisherigen Ansicht über die Person des Dichters. Besondere Erwähnung ver- dienen die Quellenuntersuchungen von Windisch" und Sievers* Sie haben gezeigt, daß neben der Hauptquelle Tatian auch die Kommentare Hrabans, Bedas und Alcuins benutzt worden sind. Da ließ auch die Behauptung nicht lange auf sich warten, der Dichter habe diese theologische Gelehrsamkeit nur auf Grund eigenen Stu- diums gewonnen, er sei ein gelehrter sächsischer Geistlicher ge- wesen. vielleicht ein Mönch in einem sächsischen Kloster. Koegel glaubt sogar beweisen zu können, daß der Dichter als Mönch im Kloster Werden gelebt habe. In dem Ergänzungsheft zu seiner Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgange des Mittel- alters, Straßburg 1895 sagt er S.26:Und wenn wir der Nachricht der Präfatio trauen dürfen, daß er(der Werdener Dichter) in seiner Jugend als scop durch die sächsischen Lande gezogen ist, sein Ein- tritt in das Kloster also erst in späteren Lebensjahren stattgefun- den hat, so muß seine Geburt ziemlich weit in das 8. Jahrhundert zurückgeschoben werden. Wir dürfen seine Lebenszeit etwa in die Jahre 765 835 setzen. Er war also noch als Heide geboren und erzogen. Daß der Helianddichter in seiner Jugend als scop durch die sächsischen Lande gezogen sei, davon berichtet die Prä- fatio ebensowenig wie von seinem Eintritt in das Werdener Kloster. Es wird wohl jeder mit Jostes auf eine solche lediglich durch sub- jektive Konstruktionen gewonnene Theorie Verzicht leisten, und daher verfolgen wir nur die Frage, ob der Helianddichter als gelehrter Geistlicher bezw. als ein Laie zu erweisen ist.

Daß der Dichter ein gelehrter sächsicher Geistlicher gewesen sei, soll, wie allseitig behauptet wird. Windisch in seiner erwähnten Schrift nachgewiesen haben. Dem ist jedoch nicht so, und das beabsichtigte er auch gar nicht, vielmehr hat er als erster den Heliand in Bezug auf die theologische Literatur untersucht. Die Nachrichten der Präfatio allein zwingen jeden, der sie mit Windisch für echt hält, einen Mönch als Verfasser des Gedichtes abzulehnen.

1. Windisch, der Heliand und seine Quellen. Leipzig 1868. 2. Zeitschrift für deutsches Altertum 19, 1 ff.