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mit Jostes an Ostsachsen als der Heimat des Heliand festzuhalten sei. Folgende sprachliche Beweise sprechen außer den von Jostes angeführten für diese Gegend. Während der Diphthong eu in den Essener Denkmälern sich zu ia entwickelt hat, ist er im Heliand in Übereinstimmung mit dem ostsächsischen, wie wir es in den Urkundenbüchern von Hildesheim und Halberstadt haben, zu io, ie geworden. Im Heliand haben die stimmhaften Spiranten b, d einen Schwebelaut zwischen b und b einerseits, d und d anderer- seits angenommen,— ebenfalls eine ostsächsische Besonderheit. Was die Flexionen angeht, so ist zunächst zu beachten, daß im Altsächsischen der gen. und dat. sing. der a Deklination die End- ungen— es—e und— as— a kennt. Diese kommen aber nicht in derselben Gegend neben einander vor, sondern— es—e und— as— a hatten ein bestimmtes dialektisches Verbreitungsgebiet und zwar mußte— as— a dem Westen.— es— e dem Osten zugeteilt worden. Der Heliand kennt fast nur— es— e, also ein neuer Beweis seiner ostsächsischen Herkunft. Ganz entschieden spricht endlich für den ostsächsischen Ursprung der altsäch- sischen Bibeldichtung der dat. sing. masc. und ntr. der starken Adjektivflexion, insofern als die Essener Denkmäler nur die längere Form auf— mo kennen, während im Heliand die Formen auf— um— mo— m— un— on vorkommen. Da nun beide Doppelformen nach den überzeugenden Ausführungen Schlüters spezifisch altsächsische, nicht aber dem Niederfränkischen entlehnte Formen sind, beide auch ein bestimmtes dialektisches Ver- breitungsgebiet hatten, den uns erhaltenen Heliandhandschriften ein Archetyp zu Grunde liegt, das nur das kurze Dativsuffix kannte, so ist auch aus diesem Grunde Westfalen als Heimat der Dichtung abzulehnen.
Die zweite heiß umstrittene Frage befaßt sich mit der Persönlichkeit des Dichters. Bekanntlich beruht unser ganzes Wissen hierüber lediglich auf dem, was die Präfatio und das Gedicht selbst folgern lassen. Bis gegen Schluß der sechziger Jahre wurde die Angabe der Präfatio, daß Ludwig der Fromme einem Manne aus dem Volke der Sachsen, der bei den Seinen für ein bedeutender Sänger gehalten wurde(Praecipuit namque cuidam viro de gente Saxonum, qui apud suos non ignobilis vates habebatur.) dahin ausgelegt: Der Helianddichter ist ein Sänger


