Aufsatz 
Der jetzige Stand der Heliandforschung / von A. Conradi
Entstehung
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die Festtage Magdeburgs in den Mainzer Kalender gefügt habe Wenn uns auch unbekannt ist, wo der Klerus Ostfalens herange- bildet wurde, so wissen wir doch, daß jenes Gebiet anfangs Mainz unterstellt war, daß mithin der Erzbischof von Mainz für die Ausbil- dung der Geistlichen Ostfalens in erster Linie zu sorgen hatte und es durchaus nicht sonderlich erscheint, daß auch nach Gründung des Bistums Halberstadt, dem Magdeburg unterstellt wurde, Magde- burger in Mainz lebten. Die vatikanischen Fragmente stammen von einem anderen Schreiber als dem zweiten her, er waraber ein Zeit- genosse des zweiten Schreibers, mithin waren mehrere Ostfalen, die kirchliche Beziehungen zu Mainz hatten, zur selben Zeit in S. Alban. Das ist der erste feste Anknüpfungs- punkt, insofern nunmehr feststeht, daß von einem Ost- falen diese Bruchstücke herrühren.

Auch die übrigen Heliandhandschriften wurden nicht im nd. Sprachgebiete vorgefunden. Durch Heinrich II. gelangte der Monacensis nach Bamberg, und es spricht nichts dagegen, daß Heinrich ihn in seinem ostsächsischen Heimatlande erworben hat. Das Prager Blatt befindet sich in einem Rostocker Drucke. O0 b dieser in Prag oder in Rostock eingebunden worden ist, bleibt dahingestellt, doch ist betreff der Herkunft des Blattes eher an Ostfalen denn an Westfalen zu denken, da die Beziehungen des Westens mit dem Norden und Süden keineswegs so intim waren wie die des Ostens. Der Cottonianus ist mit einem Eyvangelien- buche des Königs Knud von Dänemark(liber quondam Canuti regis) vereinigt, auch ein Zeichen ostsächsischer Herkunft. Diese Mo- mente lassen in ihrer Gesamtheit den Schluß zu, daß die Heliandhandschriften nur auf einem Hauptwege aus ihrem Entstehungsort nach Süddeutschland bezw. ins Ausland gekommen sind. Ostfalen hatte mit Süddeutschland und mit Dänemark einen bedeutend stärkeren Verkehr als West- falen, das diesen bekanntlich über Köln nach dem Süden leitete. Bis jetzt hat sich aber noch nicht der kleinste Rest einer Heliandhand- schrift auf ripuarischem Sprachgebiete gefunden. Wäre der Heliand in Werden abgefaßt worden, so müßten doch auch in Westfalen oder doch wenigstens im Westen die meisten Handschriften ge- funden werden. Das eine müssen wir nunmehr annehmen, daß mit größter Sicherheit die erhaltenen Heliand-