Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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Thatſachen in der Geſchichte der Wiſſenſchaften ſieht. Hier haben die deductive und die inductive Methode, die ſich in der Entwicklung des Denkens ſo oft gegenüberſtanden, in endlicher Verſöhnung von einem überaus wichtigen Punkt gemeinſchaftlich Beſitz genommen.

Wir erſtaunen, daß Parallellinien durch Einzeichnen einiger Striche ihren Parallelismus ver⸗ lieren ſollen. Ich erlaube mir dazu eine Bemerkung zu machen, die ich bei Zöllner nicht gefunden habe. Ich glaube, nicht darüber ſollten wir erſtaunt ſein, daß Linien durch irgend ein Mittel ihren Parallelismus verlieren, ſondern darüber, daß ſie ihn überhaupt je hatten. Ich ſehe zwei Eiſenbahn⸗ ſchienen vor mir. Je weiter ſie von mir weglaufen, um ſo mehr nähern ſie ſich einander. Daß ſie parallel ſind, weiß ich; aber ſehe ich es auch? Wenn die Schienen nur ganz kurz wären, ſo würde ich es auch ſehen, d. h. ich würde glauben es zu ſehen. Daß ich es aber nicht wirklich ſehe, zeigt die Schwierigkeit, in welche die Frage bringt, bis wohin ſieht man die Schienen parallel? Da ſie in der Entfernung convergiren, in der Nähe aber parallel ſind, ſo muß irgendwo ein Punkt ſein, wo der Parallelismus aufhört und das Convergiren beginnt. Wo iſt nun dieſer Punkt? Nirgends. Die Linien convergiren gleich von Anfang an und wenn wir glaubten, Parallellinien zu ſehen, ſo haben wir uns getäuſcht; wir haben nie Parallellinien geſehen. Was wir zu ſehen glaubten, haben wir nur geſchloſſen.

Daß wir Parallellinien ſehen, war bis vor Kurzem ein Factum. Da kommt eine Beobachtung, daß unter gewiſſen Umſtänden der Parallelismus verſchwindet, und dann ergibt die theoretiſche Betrachtung, daß er nie beſtanden haben kann.

Eine Reihenfolge ähnlicher Betrachtungen würde uns überzeugen, daß überall wie hier Sehen und Schließen ſich durchdringen. Nur die Deutlichkeit, mit der uns das Schließen zum Bewußtſein kommt, macht den Unterſchied; nur ſie läßt uns zwiſchen Mill'sFactum und Whewell'sneuer Vorſtellung, die der Geiſt noch hinzubringt, unterſcheiden.

Entdeckungen können aber auf doppelte Art gemacht werden, entweder indem der Geiſt dem, was er beobachtet hat, etwas hinzufügt, oder indem er etwas davon wegnimmt.

Ueber die erſte Art ſahen wir die Autoritäten in Streit, ob hier Induction vorliege, oder nicht; ſehen wir jetzt zu, ob ſie über die zweite Art einiger ſind. Iſt Galilei's Satz, daß die Bewegung eines ſich ſelbſt überlaſſenen Körpers gleichförmig und gradlinig iſt, ſo lange nicht äußere Hinderniſſe dagegen wirken, durch Induction gefunden oder nicht? Whewell ſagtja(Geſchichte der inductiven Wiſſenſchaften, überſetzt von Littrow, Band II, Seite 21). Apelt(Seite 60) ſagtnein.Es kam hier nicht darauf an, wie bei der Induction durch Beobachtung und Experiment einen neuen Ober⸗ begriff eines zu bildenden Schluſſes zu finden. Das Geſetz ſpricht, wie Whewell ſelbſt bemerkt, von Körpern, auf die keine äußere Kraft einwirkt, ein Fall, der in der That nie vorkommt und daher auch nicht beobachtet werden kann. Auf dem Weg des Experiments konnte nur ſoviel bewieſen werden, daß mit Verminderung des Widerſtandes auch die Verzögerung kleiner wird. Und derartige Experi⸗ mente hat erſt lange nach Galilei Hooke angeſtellt. Aber es bedurfte derſelben gar nicht erſt zur Erkenntniß der Richtigkeit und allgemeinen Gültigkeit dieſes Geſetzes. Das Geſetz der Trägheit leuchtet von ſelbſt ein, ſobald wir bei der Bewegung eines Körpers von allen Einflüſſen äußerer Dinge abſtrahiren und den richtigen Begriff von Materie mitbringen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß bei einer Subſtanz wie die Materie, deren weſentliche Grundeigenſchaft Lebloſigkeit iſt, es keine innere, ſondern nur äußere Urſachen der Veränderung ihrer Zuſtände geben könne, und daß daher eine ſolche Subſtanz ohne äußere Einwirkung in dem Zuſtande beharren müſſe, in dem ſie ſich gerade befindet, ſei dieſes nun der Zuſtand der Ruhe oder der der Bewegung.