Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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die Ergänzung nur dann Werth hat, wenn das vollſtändige Ganze, falls es einmal geſehen werden könnte, auch ſo geſehen würde, wie die neue Vorſtellung es verlangt.

Wenn wir eine Ellipſe, um bei dieſem Beiſpiel zu bleiben, hinzeichnen, aber ſo fein, daß man ſie nur aus der Nähe ſehen kann, einige Punkte derſelben jedoch ſtark genug hervortreten laſſen, um ſie aus der Ferne zu erkennen, ſo hängt es nur von unſerm Standpunkte ab, ob wir die Figur errathen oder ſehen wollen. Was hier die Verſchiedenheit des Orts bewirkte, kann mit leichter Ver⸗ änderung des Verſuchs die Verſchiedenheit der Zeit bewirken. Wenn wir eine feurige Kohle in einer Ellipſe bewegen, einmal ſehr langſam, ein anderes Mal ſehr ſchnell, ſo rathen wir das erſte Mal, das zweite Mal ſehen wir. 6

Wenn wir in einem Claſſiker eine ſchwierige Stelle leſen, ſie wenden und drehen, bis wir ſie endlich herausgebracht haben, hat da unſer Geiſt etwas zu den Thatſachen hinzugefügt oder hat er nur Thatſachen wahrgenommen? Wenn das letztere der Fall iſt, warum haben wir denn die Stelle nicht gleich verſtanden? wenn aber etwas zu den Thatſachen hinzugefügt worden iſt, wo iſt es denn?

Wenn ich beim Leſen mich verleſe, wenn ich, angekommen an dem Schluß des Satzes, keinen Sinn finde, dann wieder anfange und meinen Fehler bemerke, wer hat ſich geirrt, das Auge oder der Geiſt?

Ich ſehe zwei parallele Linien vor mir auf dem Papier; das iſt doch eine Thatſache? Nein. Denn ich kann ſie, ohne ihre Lage zu verändern, convergiren und divergiren laſſen. Ich erinnere mich dieſes ſchönen Experimentes, das mir einſt Prof. Zöllner zeigte, und das ich ſeitdem in ſeinem ſo berühmt gewordenen BucheUeber die Natur der Cometen; Beiträge zur Geſchichte und Theorie der Erkenntniß abgedruckt fand. Ich brauche nur einige Linien in beſtimmter Richtung durch beide Parallellinien zu legen, und die Täuſchung iſt fertig. Zöllner hatte dieſelbe zufällig an einem für Zeugdruck beſtimmten Muſter beobachtet, hat ſie dann in Poggendorff's Annalen veröffentlicht und ſeitdem eingehend ſtudirt. Die Verſuche, die auch Helmholtz behandelt hat, die aber bis zu gewiſſem Grad Jeder leicht ſelbſt anſtellen kann, führten Zöllner zu dem Ergebniß(S. 389):Die Vor⸗ ſtellungen von Parallelismus oder Nichtparallelismus zweier geraden Linien einerſeits und diejenigen von der Ruhe oder Bewegung eines Körpers andererſeits ſind nicht unmittelbare Ergebniſſe der ſinnlichen Wahrnehmung, ſondern Reſultate von logiſchen Schlüſſen, welche wir mit Hülfe der reflec⸗ tirenden oder vergleichenden Thätigkeit unſeres Verſtandes aus den durch das Auge gegebenen Beobach⸗ tungsdaten ableiten, ganz in derſelben Weiſe, wie dies in der Wiſſenſchaft aus den erſt mühſam geſammelten Beobachtungsgrößen auf eine uns bewußte Weiſe zu geſchehen pflegt. Nur die große Geſchwindigkeit dieſer ſehr ſchnell auf einander folgenden Verſtandesoperationen verhindert es, daß uns dieſelben einzeln zum Bewußtſein kommen.

Durch ſolche Thatſachen, welche mit einfachen Hülfsmitteln quantitative Beſtimmungen über die Reſultate von unbewußten Verſtandesoperationen zu ſammeln geſtatten, eröffnet ſich die Ausſicht zur Begründung und Entwicklung einer Experimentalpſychologie.

Bleiben wir hier aber bei dem einfachſten Reſultat dieſer neuen Wiſſenſchaft ſtehen. Von der unmittelbaren Empfindung eines Gegenſtandes kann nicht mehr die Rede ſein, vielmehr kommt die Vorſtellung eines ſolchen überhaupt erſt durch die in der Empfindung unbewußt thätige Anwendung der Verſtandesfunctionen zu Stande. Auf dem Gebiet der Erkenntnißtheorie reicht die Naturwiſſen⸗ ſchaft der Philoſophie die Hand. Die Phyſiologie der Sinnesorgane kommt auf ihrem empiriſchen Weg zu einem Reſultat, welches mit den fundamentalſten Lehren der deutſchen Philoſophie auffallend übereinſtimmt. Dieſes Reſultat iſt die Intellectualiſirung der Anſchauungsthätigkeit, in welcher Windelband(Ueber die Gewißheit der Erkenntniß) mit Recht eine der großartigſten und werthvollſten