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werden, blos weil die Menſchen wiſſen, wie ſie ihn vorzunehmen haben. Wilhelm Tell würde nicht im Geringſten mehr Ausſicht gehabt haben, den Apfel zu ſpalten, wenn er gewußt hätte, daß ſein Pfeil unter dem Einfluß der Anziehungskraft der Erde eine Curve beſchreiben werde.“
Wie wenig ſich ſolches Können mittheilen läßt, zeigt ein anderes Beiſpiel von Mill ſehr deutlich.
„Es iſt nicht lange her, daß ſich ein ſchottiſcher Fabrikant zu hohem Lohn aus England einen Färber verſchrieb, der wegen der Erzeugung feiner Farbenſchattirungen berühmt war, damit dieſer ſeine eigenen Arbeiter dieſe Geſchicklichkeit lehre. Der Färber kam, aber die Art und Weiſe, wie er die Mengenverhältniſſe der Ingredienzien beſtimmte, in denen das Geheimniß der Farbeneffecte be⸗ ruhte, beſtand darin, daß er ſie handvollweiſe nahm, während die gewöhnliche Methode im Abwägen der⸗ ſelben beſtand. Der Fabrikant veranlaßte ihn, ſein Syſtem in ein entſprechendes Abwägeſyſtem zu verändern, damit das allgemeine Princip dieſes eigenthümlichen Verfahrens beſtimmt werden könne. Der Mann fand ſich aber gänzlich außer Stande, dies zu thun, und konnte daher auch ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit Niemandem mittheilen.“
Als Antwort auf das, was Mill mit dieſem Beiſpiel ſagen will, diene der Schluß von Liebig's Rede über Induction und Deduction:„Beim Eingreifen der Wiſſenſchaft in eine Kunſt erwächſt der kaum hoch genug anzuſchlagende Nutzen, daß ſie die Kunſt als ſolche, und was individuell in ihr iſt, zerſtört, indem ſie ſie in lehrbare und erlernbare Regeln auflöſt, durch deren Kenntniß auch der Un⸗ begabte in den Gewerben, der Induſtrie, Landwirthſchaft und Technik das Vermögen des begabteſten, geſchickteſten und erfahrenſten Praktikers empfängt, der ſeine Ziele auf dem kürzeſten, ſicherſten und ökonomiſchſten Weg erreicht. Was früher einem Individuum eigen war, wird von da an das Ge⸗ meingut aller.“
Daß Mill in ſeinen Beiſpielen ſich ſelbſt täuſcht, daß er glaubt, von inductivem Schließen zu ſprechen, während er von unbewußtem Schließen ſpricht, das eben ſo wohl das ſyllogiſtiſche wie das inductive ſein kann, beweiſt das letzte Beiſpiel, das ich von ihm anführen wlll, ſehr deutlich:
„Faſt ein Jeder kennt den Rath, welchen Lord Mansfield einem Mann von gutem praktiſchen Verſtand gab, der als Gouverneur einer Colonie in dem Gerichtshof derſelben den Vorſitz zu führen hatte, der aber weder richterliche Erfahrung noch juriſtiſche Bildung beſaß. Der Rath beſtand darin, die Entſcheidung dreiſt zu geben, denn ſie würde wahrſcheinlich richtig ſein, ſich aber niemals auf Gründe einzulaſſen, denn ſie würden faſt unfehlbar falſch ſein.“
Der Rath war gewiß ſehr praktiſch. Aber wenn das Treffen der richtigen Entſcheidung ohne richterliche Erfahrung und juriſtiſche Bildung ſicher wäre, ſo läge ein anderer Rath nahe, der nämlich, die Mühe und Zeit, welche das Studium der Jurisprudenz fordert, zu ſparen. Der Fall dieſes Gerichtspräſidenten iſt dem jenes alten Kriegers ähnlich. Sie ſchließen, Mill ſagt inductiv, ich ſage unbewußt, treffen das Richtige, können aber die Richtigkeit nicht beweiſen. Aber, ſagt Mill, Schließen und den Schluß beweiſen, ſind zwei verſchiedene Dinge, wie Abſchreiben und die Richtigkeit der Ab⸗ ſchrift verificiren. Wie aber die Prüfung der Abſchrift nicht ein Theil des Copiractes iſt, ſo iſt der Beweis des Schluſſes nicht ein Theil des Schließens.
Da zwei ſo verſchiedene Dinge auch zwei verſchiedene Namen haben müſſen, ſo nimmt Mill dem Ableiten aus dem Allgemeinen den Namen Schließen, und erſetzt ihn durch Interpretiren. Wir ſchließen alſo, ſo lautet Mill's Lehre, vom Einzelnen aufs Einzelne oder auf das Allgemeine und interpretiren die allgemeinen Sätze. Vorher hatte man geſagt, wir rathen vom Einzelnen aufs Allgemeine und ſchließen aus dem Allgemeinen. Die ganze Neuheit von Mill's Theorie liegt in einer Aenderung der Terminologie, aber dieſe Aenderung iſt hervorgegangen aus dem Beſtreben, die Wichtigkeit des inductiven Schließens zu betonen, es hervorzuheben ſelbſt auf Koſten des deductiven.


