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nicht auch, ehe er den allgemeinen Satz aufſtellte, klar machen ſollen, daß er, der Angreifer des Syllogismus und der Lobredner der Induction, die Induction gänzlich vernichtet?
„Nicht allein, daß wir vom Beſondern aufs Beſondere ſchließen können, ſondern wir ſchließen ſogar fortwährend ſo; alle unſere frühzeitigen Folgerungen ſind dieſer Art. Von den erſten Tagen der Intelligenz an ziehen wir Folgerungen, aber Jahre vergehen, ehe wir den Gebrauch der all⸗ gemeinen Sprache lernen. Das Kind, welches ſeine Finger an das Feuer zu ſtecken vermeidet, nachdem es ſie verbrannt hat, hat geſchloſſen oder gefolgert, wenn es auch niemals an den allgemeinen Grund⸗ ſatz: das Feuer brennt, gedacht hat.... Es generaliſirt nicht, ſondern ſchließt vom Beſondern aufs Beſondere. In ähnlicher Weiſe ſchließen auch die Thiere.... Nicht allein das gebrannte Kind, ſondern auch der gebrannte Hund ſcheut das Feuer.“
Wir geben das Alles gern zu. Wir könnten ohne Mühe die Zahl der Beiſpiele noch ver⸗ mehren:
Qui semel est laesus fallaci piscis ab hamo Omnibus unca cibis aera subesse putat.
Aber hat der Fiſch Recht? Steckt in jeder Speiſe ein Haken?
Eine verbrühte Katze, ſagen die Spanier, ſcheut auch kaltes Waſſer. Sie ſchließt eben inductiv; allerdings etwas zu weit.
Mill's Beiſpiele ſind nur von Schlüſſen, welche zutreffen, hergenommen. Nach negativen Inſtanzen hat der große Lehrer der Induction nicht geſucht.
Auch die folgenden Beiſpiele zeigen dies:
„Ein alter Krieger iſt nach einem raſchen Blick auf die Umriſſe eines Feldes im Stande, die nöthigen Befehle für eine geſchickte Aufſtellung ſeiner Truppen zu geben, obgleich er, wenn er nur einen geringen theoretiſchen Unterricht empfangen hat, und ſelten aufgefordert worden iſt, Andern von ſeinem Verfahren Rechenſchaft zu geben, vielleicht niemals einen einzigen allgemeinen Lehrſatz in Be⸗ treff der Beziehung zwiſchen Schlachtfeld und Schlachtordnung in ſeinen Gedanken hatte.“
Wenn meine eigene Erfahrung nur mich zu beſtimmen hat zu etwas, das ich allein auszuführen habe, mag eine ſolche Art des Schließens genügen. Wenn ich aber Andere überzeugen ſoll, oder wenn bei der Ausführung Andere mitwirken ſollen, iſt es damit nicht genug. Wenn, um bei Mill's Beiſpiel zu bleiben, der alte Krieger nicht die Truppen ſelbſt aufzuſtellen, ſondern nur im Kriegsrath ſeine Meinung zu geben hatte, wie dann? Dann wäre wieder klar geworden, daß der Weg vom eigenen Ueberzeugtſein zum Ueberzeugen Anderer nicht vom Beſondern aufs Beſondere, ſondern durchs Allgemeine führt.
„Die Geſchicklichkeit ungebildeter Menſchen in dem Gebrauch von Waffen oder Werkzeugen iſt von einer ganz ähnlichen Natur. Der Wilde, der mit unfehlbarer Hand den Wurf thut, welcher ſeine Beute oder ſeinen Feind niederbringt, und der dies in der ſeinem Zweck am beſten entſprechen⸗ den Weiſe und unter Bemeſſung aller nothwendigen Bedingungen des Gelingens, wie Schwere und Geſtalt der Waffen, Richtung und Entfernung des Gegenſtandes, Einwirkung des Windes ꝛc., thut, verdankt dieſe Geſchicklichkeit einer langen Reihe von vorhergehenden Experimenten, deren Reſultat er gewiß niemals in wörtliche Lehrſätze oder Regeln faßte.“
Wenn dieſes Beiſpiel ein Schwert gegen den Syllogismus ſein ſoll, ſo iſt es ſehr zweiſchneidig, denn Macaulay gebraucht ganz ähnliche Beiſpiele gegen die Induction.*)„Wir halten dafür,“ ſagt er,„daß der inductive Proceß wie viele andere Proceſſe keine Ausſicht hat, beſſer ausgeführt zu
*) Macaulay, Lord Bacon.


