Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

welche man Syllogismus nennt. In der, welche Mill für Schließen hält, liegt ſie aber gar nicht. Ich kann hier 2 und 3, und 4, und 100 Sätze zugeben, und doch den Schlußſatz leugnen, ohne in einen Widerſpruch zu verfallen. Ich kann zugeben, daß die Menſchen A, B, C bis Z geſtorben ſind, und doch leugnen, daß alle Meanſchen ſterblich ſind, wie ich zugeben kann, daß die Schwäne A, B, C bis Z weiß ſind und doch leugnen kann, daß alle Schwäne weiß ſind, ohne mich in einen Wider⸗ ſpruch zu verwickeln. Ganz anders iſt es, wenn ich zugebe,alle Menſchen ſind ſterblich,Cajus iſt ein Menſch; dann bleibt mir keine Wahl; dann muß ich auch zugeben, daß Cajus ſterblich iſt Hier iſt ein Zwang, dem Niemand ſich entziehen kann. Allein eben wegen dieſes Zwanges wird der Syllogismus von Gegnern eine Falle genannt. Wenn Jemand arglos 2 Sätze zugegeben habe, ſehe er ſich plötzlich in einen Widerſpruch verſtrickt. Wir ſehen darin keinen Vorwurf für den Syllogismus, ſondern ein großes Zugeſtändniß. Von der Induction kann man Gleiches nicht rühmen. Sie fängt und verſtrickt nicht, denn ſie hat keine feſthaltende Kraft.

Uebrigens warum ſolche Ausdrücke wie Fangen und Verſtricken, auch wenn wir ein Geſpräch vorausſetzen. Wenn nun Jemand ſo großherzig denkt, wie Sokrates, in der Unterhaltung gewinne eigentlich der Beſiegte, denn er lerne Etwas, der Sieger nicht; wer einen Irrthum los werde, ſei um ſo viel reicher. Warum aber überhaupt ein Geſpräch vorausſetzen? Geht man nicht oft mit ſich ſelbſt zu Rath und überzeugt ſich von einem Irrthum? Niemand aber legt ſich ſelbſt eine Falle, Niemand ſucht ſich ſelbſt zu verſtricken.

Und würden wir doch nur recht oft im Geſpräche ſo verſtrickt, wir würden dann eine Menge Irrthümer los, vor allen Dingen den Hauptirrthum, daß unſere Anſichten ſo ziemlich zuſammen⸗ ſtimmen, während in Wirklichkeit in den Anſichten eines Jeden ſich grelle Widerſprüche finden. Um anzuſehen, daß dem in der That ſo iſt, brauchen wir nur eine gute Biographie aufzuſchlagen. Wir nehmen die anerkannt beſte, das Leben Sam. Johnſon's von Boswell, von dem Macaulay ſagt:Das Leben Johnſon's iſt ſicherlich ein großes, ein ſehr großes Werk. Homer iſt nicht entſchiedener der erſte der epiſchen Dichter, Shakeſpeare iſt nicht entſchiedener der erſte der Dramatiker, Demoſthenes iſt nicht entſchiedener der erſte der Redner, als Boswell der erſte der Biographen iſt. Und was zeigt uns dieſe Biographie? Einen Mann von ſeltener Schärfe des Verſtandes und doch welche Beſchränktheit! Die gerühmten Athenienſer, ſagt er,waren Barbaren. Die Maſſe von jedem Volke, das die Buchdruckerkunſt nicht kennt, muß barbariſch ſein; und welche Widerſprüche!Sir, das iſt alles Einbildung. Ich würde nicht eine halbe Guinee darum geben, lieber unter der einen Regierungs⸗ form zu leben, als unter der andern; und gleich darauf, als ſein Gegner eine Bemerkung gemacht hatte,Sir, ich ſehe, Sie ſind ein ſchnöder Whig.Wenn der Unterſchied zwiſchen zwei Regierungs⸗ formen keine halbe Guinee werth iſt, ſagt Macaulay hierzu,ſo iſt es nicht leicht einzuſehen, wie Whigismus ſchnöder ſein kann als Toryismus.. Niiemand würde einen Widerſpruch, wie dieſer, in der Logik eines Gegners raſcher entdeckt haben als Johnſon.

Das ſind im Geſpräch geäußerte Anſichten, kann man einwenden. Aber was treibt über ein philoſophiſches Syſtem hinaus? z. B. von Baco zu Locke, von Locke zu Hume, von Hume zu Kant? Der Widerſpruch. Hier aber ſind die Anſichten nicht zufällig hingeworfen, ſondern durch die Arbeit eines ganzen Lebens gezeitigt und gereift.

Ein anderer Einwurf:Ehe ihr den Oberfatz aufſtelltet, hättet ihr euch von der Richtigkeit deſſen, was er enthält, erſt überzeugen ſollen iſt noch unglücklicher, denn er trifft nicht den Syl⸗ logismus, ſondern die Induction, er läßt höchſtens die ſogenannte vollſtändige Induction zu, von welcher Mill nicht viel, und Baco und Whewell gar nichts wiſſen wollen. Hätte ſich hier Mill