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kann, als er iſt; und da dieſer Beweis entweder an und für ſich genügend iſt, oder wenn er es für den einen Zweck nicht iſt, es auch für den andern nicht ſein kann: ſo bin ich nicht im Stande zu ſehen, warum wir den Weg von dieſen genügenden Prämiſſen zum Schluß nicht abſchneiden dürfen, und durch das Fiat der Logiker gezwungen ſein ſollten, die„a priori Hochſtraße“ zu wandeln. Ich vermag nicht einzuſehen, warum es nicht möglich ſein ſollte, von einem Platz nach dem andern zu reiſen, ohne„den Berg hinaufzumarſchiren und dann wieder hinabzumarſchiren.“ Es mag der ſicherſte Weg, und auf dem Gipfel des Berges mag ein Ruheplatz ſein, der eine Ausſicht auf die Umgebung darbietet, aber für den bloßen Zweck, an das Ziel unſerer Reiſe zu gelangen, ſteht uns die Wahl des Weges ganz frei; es iſt nur eine Frage der Zeit, der Mühe und der Gefährlichkeit.“
Bleiben wir einen Augenblick hier ſtehen. Triviale Beiſpiele haben in der Logik zwar immer großen Schaden angerichtet, ſie ſind es hauptſächlich geweſen, welche dieſe Wiſſenſchaft ſelbſt trivial erſcheinen ließen; aber hier hat das unglückliche Beiſpiel:„Alle Menſchen ſind ſterblich, Cajus iſt ein Menſch, folglich iſt Cajus ſterblich“ geradezu an der ganzen Theorie des Syllogismus irre gemacht. Es iſt in der That ſo ziemlich das ſchlechteſte Beiſpiel, welches man hätte wählen können. Der Schlußſatz entwickelt ſich im Geiſt des Hörers oder Leſers hier nicht aus den Prämiſſen, wenigſtens nicht mit Bewußtſein, ſondern liegt ſo vollſtändig in Jedem bereit, daß er einer Ableitung oder eines Beweiſes nicht bedürftig erſcheint. Der Oberſatz iſt offenbar durch Induction gefunden, und zwar von Jedem ſelbſt, nicht wie die Kepler'ſchen Geſetze oder das Gravitationsgeſetz von Einem und ſeitdem überliefert. Der Satz hätte ſich viel mehr geeignet, zu zeigen, was Induction ſei, wie Jeder danach ſchließe und mit welcher Sicherheit man ſich auf das Reſultat derſelben verlaſſen könne.
Daraus wird es auch ganz erklärlich, wie Mill zu der Anſicht kam, der Weg durch das All⸗ gemeine ſei ein Umweg, ein den Berg Hinauf⸗ und dann wieder Hinuntermarſchiren. Keine noch ſo ſichere Ableitung kann, ſo ſcheint es, einem Satz eine größere materielle Sicherheit geben, als der Satz hat:„Cajus iſt ſterblich.“ Zu der Ueberzeugung von der Wahrheit dieſes Satzes aber ſind die Meiſten in der Art gekommen, wie Mill es beſchreibt. Die Logik hat leider die Ableitung dieſes Satzes als Beiſpiel für den Syllogismus gewählt; kein Wunder alſo, wenn man dachte, was ſie zu lehren habe, ſei des Lernens nicht werth. Zwar ließe ſich auch an dieſem ſo herzlich ſchlecht gewählten Beiſpiel zeigen, daß der Gedankengang doch derjenige des Syllogismus iſt und nicht der vom Be⸗ ſonderen aufs Beſondere. Bis vor Kurzem hieß es auch:„alle Schwäne ſind weiß.“ Und jetzt noch heißt es: aller Schnee iſt weiß, alle Krähen ſind ſchwarz. Wenn uns Jemand von weißen Krähen, die er geſehen habe, erzählte, könnten wir ihn leicht für einen Lügner halten. Allein der König von Siam hielt auch den engliſchen Geſandten für einen Lügner, als ihm derſelbe von Eis erzählte, und ſchnell wurde durch Widerſprechen der allgemeine Satz hervorgerufen: alles Waſſer iſt flüſſig. Aehnlich würde das Widerſprechen auch in Mill's Beiſpiel wirken. Denn angenommen, es gäbe Jemand zu, ſo viele einzelne Menſchen ſind geſtorben, behauptete aber, wäre es auch nur aus Oppoſitionsluſt, daraus folge noch nicht, daß auch Cajus ſterben müſſe, ſo würde ſchnell der vollſtändige Gedankengang zu Tage kommen und auch der Satz:„alle Menſchen ſind ſterblich“ gehört werden. 3
Die Logik iſt von Einigen Disputir⸗Kunſt genannt worden. Sie iſt aber gerade das Gegen⸗ theil; ſie iſt die Kunſt, das Disputiren abzuſchneiden, dem Wortgezänk ein Ende zu machen. Sind zwei kurze Sätzchen, die Prämiſſen, zugegeben, ſo muß auch der dritte Satz, der Schlußſatz zugegeben werden, ſelbſt von dem disputirſüchtigſten Menſchen. Wer das noch nicht erfahren hat, leſe einen Platoniſchen Dialog, und er wird ſtaunen über die Macht, welche in der Zuſammenſtellung zweier
Sätze liegt. Aber dieſe Macht liegt nicht in jeder beliebigen Zuſammenſtellung, ſondern nur in der, Muſterſchule. 2


