Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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Bedeutung hatte, als der Menſch nicht alle Menſchen bedeutete, ſondern etwas den Menſchen Inhärentes, an Würde weit über ihnen Stehendes. Gegenwärtig aber, wo es bekannt iſt, daß eine Claſſe, ein allgemeines Ding, ein Genus oder eine Species keine Entität per se iſt, ſondern nichts mehr und nichts weniger, als die in die Claſſe eingeordneten individuellen Subſtanzen ſelbſt, und daß an der Sache nichts Reales iſt als dieſe Gegenſtände ſelbſt, ein ihnen gemeinſam gegebener Name und die durch dieſen Namen bezeichneten gemeinſamen Attribute, gegenwärtig alſo möchte ich gern wiſſen, was wir dadurch larnen, daß man uns ſagt, daß, was von einer Claſſe affirmirt werden kann, auch von jedem in der Claſſe enthaltenen Individuum affirmirt werden kann? Die Claſſe iſt nichts als die in ihr enthaltenen Gegenſtände, und das dictum de omni et nullo iſt nichts als das iden⸗ tiſche Urtheil, daß, was von gewiſſen Gegenſtänden wahr iſt, auch von jedem dieſer Gegenſtände wahr iſt. Wenn alles ſyllogiſtiſche Schließen nichts als die Anwendung dieſes Grundſatzes auf be⸗ ſondere Fälle wäre, ſo wäre der Syllogismus in der That das, wofür er ſo oft erklärt worden iſt, eine bloße Spielerei.

Die Scholaſtiker haben allerdings, freilich auch ſie nicht alle, von dem Allgemeinen ſo gedacht, wie Mill es hier angibt; daß aber der Vater der ſyllogiſtiſchen Lehre, Ariſtoteles ſelbſt, anders gedacht hat, mögen einige Stellen aus ſeinem Organon zeigen.

Das Allgemeine beſteht nicht außer dem Einzelnen. Der Beweis aber erregt die Meinung, als gäbe es ein ſolches für ſich beſtehendes Allgemeine in Bezug auf das Bewieſene, wie z. B. als gäbe es eine für ſich beſtehende Weſenheit des Dreiecks außer den einzelnen Dreiecken und der Figur außer den einzelnen Figuren und der Zahl außer den einzelnen Zahlen.

Es iſt nicht nothwendig anzunehmen, daß das Allgemeine darum Etwas außer dem Einzelnen ſei, weil es Eins bedeutet, eben ſo wenig, als in den anderen Categorien, welche nicht die Subſtanz enthalten, dies der Fall iſt, als bei der Qualität oder Relation oder bei dem Thun. Nimmt man aber dennoch das Beſtehen eines ſolchen Allgemeinen außer den einzelnen Dingen an, ſo iſt nicht der Beweis davon die Urſache, ſondern der mißverſtehende Zuhörer.

Konnte Ariſtoteles ſich deutlicher ausdrücken? Er ſagt kurz und beſtimmt: das Allgemeine beſteht nicht außer dem Einzelnen. Dann zeigt er, wodurch jene falſche Anſicht entſtehen könne und warnt, ſich dadurch irre führen zu laſſen.

Eben weil das Allgemeine nur im Einzelnen exiſtirt, kann es auch nicht ohne dieſes erkannt werden; deshalb räumt derſelbe Ariſtoteles, welcher jenes dictum aufſtellte, der Empirie und der Induction ihr Recht ein.

Auch die ganze ausführliche Polemik gegen die Platoniſche Ideenlehre(Metaph. I. 9; XIII und XIV) zeigt, daß Ariſtoteles nicht der Vertreter jener Metaphyſik iſt, welche das Mittelalter be⸗ herrſchte. Er kehrt über Plato zu Sokrates zurück, welcher durch ſeine Bemühung um Begriffs⸗ beſtimmungen den Anlaß zur Entſtehung der Ideenlehre gab, aber ſelbſt das Allgemeine von dem Einzelweſen nicht ſonderte.

Er iſt trotz ſo vieler und deutlicher Erklärungen mißverſtanden worden. Die Scholaſtik hat ſich auf ihn berufen, und der ausgedehnte Gebrauch, welchen ſie vom Syllogismus machte, ließ eine Ideenaſſociation entſtehen, die ſo eng wurde, daß es heute noch Denkern wie Mill unmöglich wird, zwiſchen Syllogismus und Ueberſchätzung des Allgemeinen zu unterſcheiden.

Doch worauf das Schließen vom Allgemeinen aufs Beſondere auch ruhen mag, iſt es der Typus unſeres Schließens, iſt es ein Folgern oder nicht, ein Fortſchreiten vom Bekannten zum Un⸗ bekannten, ein Mittel zur vorher nicht beſeſſenen Kenntniß von etwas zu gelangen?