Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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gäbe: wenn das wäre, ſo würde folgen, daß vor der Zeit dieſer Chemiker nie jemand eine Flüſſigkeit zum Kochen bringen konnte.

Um zu zeigen, daß ſolche Anſichten nicht auf England beſchränkt geblieben ſind, führe ich einige Stellen aus einem neueren franzöſiſchen Schriftſteller an.

Der Graf Deſtutt de Tracy*) ſtellt der Logik die Aufgabe, den Geiſt zu lehren, wahre Kenntniſſe zu erlangen. Das hätten die Logiker, auch die großten, nicht geleiſtet, da ſie ſtets die Kunſt der Logik mit der Wiſſenſchaft der Logik verwechſelt hätten; die Wiſſenſchaft der Logik ſei erſt noch zu ſchaffen.(S. 13.) Was nun ſpeciell die Logik des Ariſtoteles angehe(S. 19), ſo ſei dieſelbe als erſter Verſuch recht ſchätzenswerth, aber durchaus unglücklich.

S. 123.Ariſtoteles hat ſich durch eine ſehr ſcheinbare, aber ſehr falſche Meinung verführen laſſen. Weil er ſah, daß die allgemeinen Ideen die einzelnen Ideen in ihrem Umfang einſchließen, ſo glaubte er, ſie ſeien der Anfang aller unſerer Kenntniſſe, die Quelle jeder Wahrheit und jeder Gewißheit und der Punkt, von dem wir immer in allen Fällen ausgehen müßten.

S. 128.Ariſtoteles hat die Reihenfolge unſerer Ideen geradezu herumgedreht, und das hat traurige Folgen nach ſich gezogen. Zuerſt hat der ganzen Logik die Baſis gefehlt. Denn wenn man glaubt, es könne kein Satz anders bewieſen werden als durch einen noch allgemeineren, ſo folgt, daß die allerallgemeinſten nothwendig ohne Beweiſe ſind. Das hat man auch behauptet. Man hat geſagt, die Axiome ſeien unmöglich zu beweiſen, ſie ſeien an und für ſich evident, man brauche darüber nicht zu ſtreiten, und die logiſche Kunſt beſtehe einfach darin, folgerichtige Conſequenzen zu ziehen. Aber zunächſt iſt man ſehr in Verlegenheit geweſen, die Zahl dieſer Axiome zu beſtimmen und zu ent⸗ ſcheiden, ob dieſer oder jener Satz als Axiom betrachtet werden müſſe oder nicht. Dann, wenn auch über dieſen Punkt kein Streit geweſen wäre und man ſich vollkommen über die Frage, was ein Axiom ſei, geeinigt hätte, ſo wäre nichtsdeſtoweniger gefolgt, daß, da dieſe erſten Principien ein⸗ geſtandenermaßen weder bewieſen noch beweisbar ſind, Alles, was aus ihnen folgt, ohne Grundlage, alle unſere Kenntniſſe ohne Stütze bleiben, und man weiß nicht mehr in Allem, was wir erkennen, wo Wahrheit oder Gewißheit zu finden iſt; man hat keine Vertheidigung gegen die Skeptiker; man kann ſich ihnen gegenüber nur noch auf das berufen, was man die Vernunft und den geſunden Menſchenverſtand nennt, unbeſtimmte Worte, über welche man ohne Ende und ohne Reſultat ſtreitet. So kann es bei dieſer Annahme nicht einmal eine Wiſſenſchaft der Logik geben.

Ein mechaniſcher Satz ſagt: Kein Ganzes iſt ſtärker als ſein ſchwächſter Punkt. Darnach hätte der Graf Deſtutt de Tracy ſchließen dürfen, daß keine Wiſſenſchaft ſicherer ſei als die Axiome, auf denen ſie baſirt. Aber das wird allgemein zugegeben. Daß die Zahl der Axiome nicht feſtſteht, daß unſer Wiſſen ſich nicht nur erweitert, ſondern auch vertieft, daß ſelbſt die Mathematik ſich zu ein⸗ facheren Grundanſchauungen durchringt, wie die Fundamentalſätze der reinen Mechanik beweiſen, macht nicht, daß die Wiſſenſchaft in der Luft ſchwebt, ſo daß man den Skeptikern gegenüber ſich blos noch auf den geſunden Menſchenverſtand berufen könne, und es iſt nicht einzuſehen, warum bei ſolcher Annahme die Wiſſenſchaft der Logik unmöglich ſein ſoll.

S. 131.Der geiſtige Vorgang beſteht in Wirklichkeit nur darin, in einer Wahrheit das, was ſie einſchließt, zu fühlen(sentir). Jede deductive Wahrheit iſt nur deshalb wahr, weil ſie implicite in einer erſten Thatſache eingeſchloſſen iſt, wo es nur darauf ankommt, ſie zu bemerken.

*) Logique par M. le comte Destutt de Tracy, Pair de France, Membre de l'Institut de France. Paris 1825.