Aufsatz 
Syllogismus und Induktion
Entstehung
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Die Angriffe Baco's auf den Syllogismus ſind ſo bekannt, daß ich mich mit dem Citiren der wichtigſten Stelle begnüge.

In der gewöhnlichen Logik wird alle Kraft auf den Syllogismus verwendet und an die inductive Methode hat man kaum gedacht; mit wenig Worten wird ſie da bei Seite geſchoben und man eilt zu den Formeln des Disputirens. Ich aber verwerfe die Beweisführung durch den Syl⸗ logismus; denn er verwirrt und läßt die Natur aus den Händen entſchwinden. Wenn es aber un⸗ zweifelhaft iſt, daß, wo Zwei mit einem Mittleren übereinſtimmen, ſie auch unter ſich ſtimmen(was ja zum Theil die mathematiſche Gewißheit bildet), ſo ſteckt doch in dem Syllogismus inſoweit ein Betrug, als er aus Sätzen und die Sätze aus Worten beſtehen, die Worte aber nur die Marken und Zeichen der Begriffe ſind. Hat deshalb die Seele dieſe Begriffe(welche gleichſam die Seele der Worte ſind und die Grundlage des ganzen Baues und Werkes abgeben) ſchlecht und übereilt von den Dingen entlehnt, ſchwankend und nicht genau umſchrieben und beſtimmt, ſondern in vieler Hinſicht mangelhaft gebildet, ſo bricht alles zuſammen. Deshalb verwerfe ich den Syllogismus, und nicht blos in Bezug auf die Principien, wofür er auch dort nicht benutzt wird, ſondern auch für jene Mittelſätze, die zwar jeder Syllogismus herausfördert und erzeugt, aber die unfruchtbar und unpractiſch und für den thätigen Theil der Wiſſenſchaften ohne Werth ſind. Ich überlaſſe deshalb dem Syl⸗ logismus und den übrigen berühmten und vielgeübten Beweisführungen dieſer Art die Herrſchaft über die landläufigen, in der Meinung ſich bewegenden Künſte, mit denen ich nichts zu thun habe, und ich werde für die Natur der Dinge mich der Induction überall, ſowohl zu den niederen wie zu den höheren Aufgaben bedienen. Induction nenne ich aber das Beweisverfahren, welches die ſinnliche Wahrnehmung feſthält, auf die Sache eindringt und den Werken nahe ſteht und beinahe daran Theil nimmt.

Den Eifer, mit welchem Baco hier den Syllogismus bekämpft, findet ſein neueſter Ueberſetzer und Erklärer, von Kirchmann, durchaus berechtigt. Zwar glaubt er, daß Baco den Kern der Sache dabei nicht bloßgelegt habe, und gibt eine andere Erklärung von der vermeintlichen Werthloſigkeit des Syllogismus, die wir ſpäter kennen lernen wollen, aber in der Verurtheilung ſtimmt er mit Baco überein, ja er übertrifft ihn noch darin? denn die Anmerkung zu dieſer Stelle ſchließt er mit den Worten:Der Syllogismus iſt nur ein Spielwerk für große Kinder.

Auf Baco folgt Locke, und die Heftigkeit des Angriffs ſteigt noch. Denn Locke ſchreibt:

Wenn Syllogismen für das einzige Werkzeug der Vernunft und Mittel der Erkenntniß gehalten werden müſſen, ſo folgt, daß es vor Ariſtoteles Niemand gab, der durch Schließen etwas wußte oder wiſſen konnte, und daß es auch ſeit der Erfindung des Syllogismus nicht Einen auf zehntauſend gibt. Aber Gott iſt nicht ſo ſparſam gegen die Menſchen geweſen, ſie blos zu zweibeinigen Geſchöpfen zu machen, und überließ es nicht dem Ariſtoteles, ſie auch vernünftig zu machen, d. h. die Wenigen von ihnen, welche er ſo weit bringen könnte, die Grundlagen des Syllogismus tief geuug zu prüfen, um einzuſehen, daß unter mehr als 60 Arten, in denen 3 Sätze zuſammengeſtellt werden können, nur 14 ſind, in welchen man ſicher ſein kann, daß der Schluß richtig iſt ꝛc.

Gott iſt gütiger gegen die Menſchen geweſen. Er hat ihnen einen Geiſt gegeben, welcher ſchließen kann, ohne erſt in ſyllogiſtiſchen Methoden unterrichtet worden zu ſein.*)

Mit Recht hat Erzbiſchof Whately dagegen bemerkt:Alles dieſes iſt nicht weniger abſurd, als wie wenn Jemand, dem man von den Entdeckungen neuerer Chemiker über Wärme erzählte und den Proceß beſchriebe, durch welchen dieſe aus einem Keſſel in das Waſſer geleitet wird, das ſie in Gas von hinreichender Spannkraft verwandelt, um den Druck der Atmoſphäre zu überwinden, zur Antwort

*) Locke: On Reason.