Syllogismus und Induction
Dr. Carl Fliedner.
Die exacten Wiſſenſchaften werden mit jedem Tage größer; die Thatſachen, welche ſie entdecken und erklären, täglich wunderbarer; aber eben damit tritt eine neue Thatſache auf, noch größer und wunderbarer, als alles, was uns die einzelnen Wiſſenſchaften erzählen können: das iſt die Thatſache der Wiſſenſchaft ſelbſt. Daß die Sonne 1 ½ Millionen mal größer iſt als die Erde, daß das Licht 42,000 deutſche Meilen in einer Secunde durchläuft, ſo daß es nur 8 Minuten braucht, um von der 20 Millionen Meilen entfernten Sonne zu uns zu gelangen; daß es aber trotz dieſer Schnelligkeit Tauſende von Jahren bedurfte, um von einigen Fixſternen zu uns zu kommen, iſt nicht wunderbarer, als daß der Menſch dieſes ausrechnen und außer jeden Zweifel ſtellen kann.
Die einzelnen Thatſachen werden von den einzelnen Wiſſenſchaften erklärt; aber die Thatſache der Wiſſenſchaft ſelbſt verlangt auch eine Erklärung. Mit ſtolzer Sicherheit erklärt die Mathematik, das Ideal aller andern Wiſſenſchaften, die Verhältniſſe von Raum und Zeit; aber was gibt die ſtolze Sicherheit, welche eine Wiſſenſchaft zum Ideal der andern macht? Warum haben nicht alle Wiſſen⸗ ſchaften dieſelbe Sicherheit wie die Mathematik, oder warum theilt dieſe nicht die Unſicherheit der andern? Die Erklärung für dieſes Factum ſchien gefunden in der Kraft der logiſchen Form. Sicher waren die Wiſſenſchaften, ſoweit der Syllogismus angewendet werden konnte. Die große Entdeckung des Ariſtoteles, daß zwei Sätze unter gewiſſen, genau beſtimmten Bedingungen mit Nothwendigkeit einen dritten von ihnen verſchiedenen erzeugen, daß ſie, wie Schopenhauer ſchön ſagt, Vater und Mutter eines Kindes werden, das von Beiden etwas an ſich hat, ſchien alles zu erklären. Das Alterthum und das ganze Mittelalter waren mit dieſer Erklärung zufrieden geweſen. Da kam die neuere Zeit und mit ihr der Zweifel, nicht nur der Zweifel an dem Dogma der Kirche, ſondern auch der Zweifel an dem Dogma der Wiſſenſchaft. Wenn ein Satz aus andern mit Nothwendigkeit hervorgehen ſoll, ſo muß er darin enthalten geweſen ſein; wenn er darin enthalten war, wie kann er neu ſein? Wie kann alſo der Syllogismus Neues lehren und wie kann die Wiſſenſchaft bei einem Mittel beſtehen, das nichts Neues lehren kann?
Wir wollen die Hauptangriffe von Baco bis auf die neueſte Zeit kennen lernen, wollen dann ſehen, was man ſich von einem andern Mittel der Wiſſenſchaft, welches man dem Syllogismus gegen⸗ über ſtellte, für glänzende Verſprechungen machte, hierauf prüfen, ob dieſe Verſprechungen in Erfüllung gegangen ſind, und, wenn es ſich zeigen ſollte, daß dies nicht der Fall iſt, daß das neue Mittel das alte nur ergänzt aber nicht erſetzt, zum Schluß die Frage zu beantworten ſuchen, was, wenn es die Methoden nicht ſind, der wahre innere Grund der großen Verſchiedenheit iſt, die zwiſchen dem wiſſen⸗ ſchaftlichen Leben des griechiſchen und römiſchen Alterthums und des Mittelalters einerſeits und dem wiſſenſchaftlichen Leben der neueren Zeit andrerſeits unzweifelhaft beſteht.


