9
ſchränkten, ſo waren es außer den Verwandten nur noch untergeordnete Größen, die ſich ihres Vortheils wegen an Ludwig anklammerten. Der Zeitpunkt war gekommen, wo der Papſt Klemens VI., der Lehrer und Freund Karls von Mähren, zur Beſeitigung des Gegners den letzten Schritt that. Auf eine Einladung hin begab ſich Carl 1344 mit ſeinem Vater nach Avignon, wo ſie zunächſt die Trennung der böhmiſchen Kirche von dem Einfluß des Mainzer Erzbiſchofs und die Erhebung der Prager Diöceſe zu einer eignen Metropole erlangten. Wenn nun auch bei den Reichsverhandlungen im September deſſelben Jahres die neueſten Anforderungen der Kurie verworfen wurden, ſo brachte doch die luxemburgiſche Partei heftige Beſchuldigungen gegen den Kaiſer vor, und man ſprach bereits von der Wahl eines neuen römiſchen Königs. Von Clemens VI. abermals gerufen, reiſten Karl und Johann von Böhmen im Jahre 1346 uach Avignon, um die ſchon vor zwei Jahren in Ausſicht geſtellte Erhebung des erſteren einzu⸗ leiten, zu deſſen Verwirklichung nun dem Kaiſer ſeine letzte Stütze, der Erzbiſchof Heinrich von Mainz, durch Abſetzung entzogen wurde. Damit beginnt der letzte Act des von beiden Seiten ſo oft maßlos geführten Kampfes, der zur gleichen Entwürdigung der beiden Mächte und zur völligen Zerrüttung der geſellſchaftlichen Ordnung in Staat und Kirche geführt hatte.
In dieſem Zuſtande befand ſich das Reich, als Gerlach von Naſſau auf den erzbiſchöf⸗ lichen Stuhl von Mainz erhoben wurde.
II. Stellung und Einfluß der Erzbiſchofe von Mainz im vierzehnten Jahrhundert.
Unter den Fürſten Deutſchlands nahm ſeit den älteſten Zeiten der Nachfolger ſdes h. Bonifacius auf dem h. Stuhle¹) zu Mainz die erſte Stelle ein.*) Als Primas ſtand er an der Spitze der deutſchen Kirche, als Erzbiſchof übte er eine Jurisdiction über fünfzehn Diözeſen, und als Erzkanzler lenkte er oft entſcheidend die Geſchicke des Vaterlandes. Ihm ſtand die Vorbereitung und Leitung der bedeutendſten Reichsgeſchäfte und Reichsverhandlungen zu. Bei der Königswahl, deren Berufung ihm und dem Pfalzgraf am Rhein zukam, hatte er ſeit dem Erlöſchen des ſächſiſchen Hauſes die erſte Stimme; in Abweſenheit oder Minderjährig⸗ keit der Könige wurde ihm öfters die Reichsregentſchaft übertragen; außerhalb der Kölner Diöceſe übte er das Krönungsrecht. Dieſe hohe politiſche Stellung verdankte der Erzſtuhl von Mainz beſonders dem h. Willegis, dem vielvermögenden Rathgeber und Freunde des ſächſiſchen Kaiſer⸗ hauſes, und machte Mainz im 10. und 11. Jahrhundert zur Haupt⸗ und Krönungsſtadt des Reiches. Mit dieſem mächtigen Einfluß in den politiſchen Angelegenheiten Deutſchlands ſtieg auch der Reichthum und die Beſitzungen des Erzſtifts. Daſſelbe beſtand aus dem eigentlichen Erzſtifte, das in das obere und untere getheilt war, den im Heſſiſchen gelegenen Aemtern Amö⸗ neburg und Fritzlar, dem Gebiete von Erfurt, dem Eichsfelde und einigen Herrſchaften in Thü⸗ ringen. Durch die Gunſt der Ottonen war es mit vielen andern Reichslehen ausgeſtattet; es beſaß aber auch eine große Anzahl Vaſallen, welche beträchtliche Herrſchaften und Güter von demſelben zu Lehen trugen. Dazu gehöͤrten Fürſten, Grafen und Herrn in und um den Sprengel, wie die Pfalzgrafen am Rhein, die Markgrafen von Baden, die Landgrafen von Heſſen, die Grafen von Naſſau u. a.
9 Das Prädicat„sancta sedes“ hatte der Stuhl von Mainz von der älteſten Zeit beibehalten: einen Titel, den auch der päpſtliche Stuhl ihm gab Bgl. Werner, d. Dom von M. I, S. 171. ¹)„Non est, qui post Roma- num pontificem vel in ecclesia romana vel in imperio tantum locum obtineat, quam obtines in utraque“ ſagt Innoc. III in einem Schreiben an Siegfried III. v. M.(Ep. 22).—„Maguntinus(Aep.) post imperatorem princeps est princi pum Böhmer Font. III, 285. 2


