Aufsatz 
Einleitung zur Geschichte der vier Grafen von Nassau auf dem Erzstuhle von Mainz
Entstehung
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ins Leben hinausgetragen, bei der unkundigen Laienwelt iheils Geringſchätzung des bisher Hoch⸗ verehrten, theils Gleichgültigkeit erzeugen mußte. Denn in den zahlreichen Schriften, welche zur Vertheidigung Ludwigs erſchienen, wurden die Grundlagen der kirchlichen Gewalt ſelbſt in Frage geſtellt, das Weſen des Primats beſtritten und das Kaiſerthum über das Papſtthum erhoben und im Widerſpruch mit der Geſchichte und der beſtehenden Reichsverfaſſung behauptet, daß der gewählte römiſche König kraft ſeiner Wahl ohne Krönung freie Gewalt über das Reich beſitze⸗ Der Papſt antwortete den Gewaltſchritten Ludwigs in ſtets geſteigertem Maße mit den kirch⸗ lichen Cenſuren, die aber um ſo mehr an Wirkung verloren, als auch im kirchlichen Regimente eine Entartung eingeriſſen war.Getrennt, ſagt Görres), von ihren Domänen in Italien waren die Päpſte für ihren Beſtand auf das Gut der geſammten Kirche angewieſen, das ſie mit Abgaben mancherlei Art belaſteten, und nun mit dem Golde vielfach verkehrend, erfuhren ſie auch bald die verderbliche Wirkung des gefährlichen Metalls, das immer den heißen Durſt nur ſo loſcht, um noch heißeren zu erwecken. Der Habſucht nach Gütern hatte ſich bald auch die Habſucht nach Macht beigeſellt, und in ihr erſtarrte das innere Kirchenregiment mehr und mehr in den Grundſätzen abſoluter Herrſchaft des geiſtlichen Oberhauptes, wie das weltliche im Kaiſerthum ſtärker und ſtärker in der Antokrazie der Stände ſich aufgelöſt. Die Päpſte aber, auf dieſen böſen Wegen gehend, hatten auf ihnen die franzöſiſche Politik gefunden, und waren ſchnell in die Fallſtricke der ſchlauen Ränkemacherin gefallen, gingen, ſelbſt Franzoſen, bald nur von franzöſiſchen Cardinälen umgeben, willig ein in ihre Plane, und gaben ſich leicht als Werk⸗ zeuge zur Ausführung ihrer Abſichten auf Teutſchland her. Daß letztere nicht erreicht wurden, iſt ein Verdienſt des einſichtsvollen Erzbiſchofs Balduin von Trier, der die Gefahr erkannte, welche der Freiheit von Deutſchland und Europa drohte, wenn Frankreich, von dem bereits die verwandten Könige von England, Ungarn und Neapel nebſt dem Papſt abhängig waren, auch noch die Kaiſerkrone an ſich reißen würde. Balduin und König Johann von Bohmen übten auf dem politiſchen Gebiete damals den entſcheidendſten Einfluß, während Ludwig von Baiern zwiſchen den Parteien hin und her ſchwankte und durch ſeinen Wankelmuth und ſeine Kraftloſigkeit die Verwirrung im Reiche, auf dem das Interdict laſtete, auf's Hochſte trieb. Ohne Niederlegung der Kaiſerkrone war an eine Ausſöhnung mit dem päpſtlichen Stuhle nicht zu denken. Das fühlte er wohl ſelbſt und hat deßhalb 1333 zu Gunſten Heinrichs von Nieder⸗ baiern auf das Reich verzichtet; allein als die Sache lautbar wurde, war es die Eitelkeit und ſein erkünſtelter und angelernter Trotz, wodurch er von den verbrieften Abſichten im nächſten Jahre wieder abſprang.*) So ſollte ſein Kampf mit den Päpſten ſich noch viele Jahre zum Unheil Deutſchlands und der Kirche hinziehen, bis endlich der ſchwarze Tod,den die zür⸗ nende Natur, Zeugin des Frevels, unter höherer Zulaſſung ausgeſendet, den unſeligen Hader eine Zeit lang endete.* ³)

Während nun in dieſem hartnääckigen Streite die Päpſte ſich auf den mächtigſten Monarchen der damaligen Zeit ſtützten, hatte Ludwig Niemanden zur Seite, der aus reinem Intereſſe für ſeine Perſon oder für das zum Schatten gewordene Kaiſerthum zu Opfern bereit geweſen ware. Wenn er auch vielfachen Anhang in dem von ihm begünſtigten Städten fand, namentlich wo die Bürger mit ihren Biſchöfen oder Aebten ohnehin in Streit lagen, ſo wirkten doch faſt über⸗ 4 nur Privatintereſſen, und dann konnten ihm die Städte wegen innerer Unruhen nur geringe

nterſtützung gewahren. Zwar machten auch manche Fürſten im Hinblick auf die allgemeine

¹) Einleitung zu Heinr. Suſo, von Diepenbrock S. XXVI f. ²) Böhmer Wintelsb. Reg. S. 120. ³) Görres a. a. O.