Aufsatz 
Einleitung zur Geschichte der vier Grafen von Nassau auf dem Erzstuhle von Mainz
Entstehung
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Reich hat er nichts gethan; vielmehr hat die Macht, die er für ſein Haus erwarb, zur Unter⸗ lage gedient, um nach ſeinem Tode Deutſchland durch neue, unheilſchwere, Alles verwirrende Streitigkeiten der Verwüſtung preiszugeben.

An der Spitze der luxemburgiſchen Partei ſtand der ſchlaueſte Staatsmann der damaligen Zeit, der Erzbiſchof Peter Aspelt von Mainz, dem in der Förderung der luxemburgiſchen In⸗ tereſſen Balduin von Trier, der Bruder des verſtorbenen Königs, klug zur Seite ſtand. Ihnen gegenüber traten die habsburgiſchen Brüder Friedrich und Leopold, die kein Opfer und keine Mühe ſcheuten, um die von Vater und Großvater getragene Krone, auf die ſie nach fränkiſchem Rechte Anſpruch erheben durften, wieder an ihr Haus zu bringen. Nicht Eitelkeit war die Ur⸗ ſache all' der Anſtrengungen und Kämpfe, denen ſie ſich unterzogen, ſondern es galt als eine Lebensfrage für die Habsburger, weil ſie ohne die deutſche Krone ihr Erbe, das vielfach von den Gebieten anderer, zum Theil feindſelig geſiunter Reichsfürſten umgeben war, nicht leicht ſichern konnten.) Doch darin grade waren die Luxemburger einig, keinen Habsburger zum Throne gelangen zu laſſen, insbeſondere der von König Albrecht einſt gedemüthigte Mainzer Crzbiſchof Da ſie mit dem jungen und leichtſinnigen Halbfranzoſen, Johann von Böhmen, nicht durch⸗ dringen konnten, ſo trugen ſie dem Herzog Ludwig von Baiern, der kurz vorher ein öſtreichiſches Heer bei Gammelsdorf überfallen und beſiegt hatte, die Krone an, und Ludwig ging, alle Rück⸗ ſicht auf ſeinen früheren Freund, Friedrich von Oeſtreich, dem er ſeine Mitwirkung zu ſeiner Erhebung auf den Thron zugeſagt, bei Seite ſetzend, auf den Vorſchlag ein. So theilte ſich abermals das Reich unter zwei Königen iun zwei feindliche Heerlager. Der Kronſtreit zwiſchen Friedrich und Ludwig löſte von Neuem alle Bande des Reiches, das, vorher ſchon ohne Kraft und Anſehen, nun völlig in Ohnmacht ſank. Zwar ſiegte Ludwig über ſeinen ritterlichen Gegner, der ſogar ſein Gefangener wurde; allein grade dieſer Sieg raubte ihm jegliche Beſonnenheit, verleitete ihn zu dem Wahne, nach keiner Seite mehr Rückſicht nehmen zu müſſen, wodurch er ſich bald mit der luxemburgiſchen Partei verfeindete und einen Zwiſt mit dem Papſtthum her⸗ vorrief*), der beiden zum Verderben gereichte. Anſtatt, wie ſeine Vorgänger, ſeinen Streit mit Friedrich der Entſcheidung des apoſtoliſchen Stuhles zu unterwerfen, deſſen ſchiedsrichterliche Gewalt ſelbſt Karl der Große auf dem Gipfel ſeiner Macht anerkannt hatte, glaubte er eine gleiche Rolle gegen denſelben ſpielen zu können, wie Philipp IV. von Frankreich. Er warf ſich zum Glaubensvertheidiger auf gegen denhäretiſchen Papſt, ſetzte in Rom, wohiu er mit leerem Seckel und geringem Ritter⸗ und Fürſtengefolge gezogen war, die komödienhafte Abſetzung des kanoniſch gewählten Papſtes in Scene, ließ ſich von unbefugter Hand die Kaiſerkrone auf⸗ ſetzen und haltungslos fortſchreitend auf der ſchwindelnden Bahn bebte er ſelbſt nicht zurück, das Todesurtheil gegen den Papſt Johannes XXII. auszuſprechen. ²) Eines Monarchen unwürdig erſcheint aber das ganze Verfahren Ludwigs gegen den Papſt, wenn man erwägt, daß Alles, was er in dieſer Beziehung that, nicht aus den Entſchließungen eines auf ein be⸗ ſtimmtes Ziel hin gerichteten Willens hervorging, ſondern aus den Eingebungen widerſpänſtiger Franziskaner, vorab der Haupteinbläſer, Marſilio und Giandone. Es war nänlich durch ver⸗ ſchiedene Meinungen uber das Weſen der evangeliſchen Armuth zwiſchen den Dominikanern und Franziskanern ein Streit entſtanden, der, nachdem der Papſt ſich für jene entſchieden, dieſe zum Verläugnen des kirchlichen Gehorſams und zu einem ſpitzfindigen Wortkampf verleitete, der,

¹) Man vergleiche darüber Chmel im Archiv f. öſterr. Geſch. II, 517 ff. ²) Daß Ludwig den Streit ange⸗ fangen, daruber ſiehe Böhmer's Regeſten. L. S. 215. ³) Böhmer, Reg. L v. B. S. 60.