Aufsatz 
Einleitung zur Geschichte der vier Grafen von Nassau auf dem Erzstuhle von Mainz
Entstehung
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Die allgemeine Verwirrung drückte nach der Auflöſung des rheiniſchen Bundes, an deſſen Stelle als ſchwacher Erſatz Landfriedensvereine traten, im hohen Grade die Herzlande des Reiches, den eigentlichen Schauplatz der kaiſerlichen Thätigkeit ſeit den älteſten Zeiten, Franken und Alemannien an beiden Ufern des Rheines, die, zerſpalten in vielfache geiſtliche und welt⸗ liche Herrſchaften, bedeckt mit adeligen Burgen, bewohnt in einer großen Zahl aufſtrebender Städte, einer oberrichterlichen und ſchützenden Macht bedürftig waren. Hier wurde daher auch zuerſt das Verlangen nach einer Erneuerung des Reiches laut, dem dann in höherem Intereſſe Papſt Gregor X, der nach der langen Sedisvacanz,(vom 29. Nov. 1268) den 1. Sept. 1271 auf den h. Stuhl erhoben worden war, in einer Aufforderung an die Fürſten Worte verlieh, dem verwaiſten Reiche ein neues Haupt zu geben. Betrachteten nun auch die Fürſten, welche das ausſchließliche Recht, den König zu wählen, für ſich in Anſpruch nahmen, die Beſetzung des Thrones nur als Mittel, ihre Rechtſamen und Einkünfte zu vermehren, ſo konnte doch die Nation bei der Wahl Rudofs v. Habsburg, den nach den Worten eines Zeitgenoſſen virtus atque prudentia et invictus animus beſonders auszeichneten, eine Wiederherſtellung des Reichs hoffen. Seine Regierung brachte, wie ſie Geſetz und Ordnung herſtellte, den Frieden mit der Kirche zurück und verhieß dem Reiche beſſere Tage auch für die Zukunft. Allein einerſeits mußte er bei aller Thatkraft auf halbem Wege ſtehen bleiben und konnte nicht zur Kaiſerkrone gelangen, andererſeits mußte er zur Wiederherſtellung des königlichen Anſehens ſeine Zuflucht zum Princip der Fürſtenherrſchaft nehmen und ſelbſt eine eigene Hausmacht gründen. Die ſchlimmſten Folgen hatte aber das Fehlſchlagen ſeiner letzten Lebensaufgabe, ſeinem Geſchlechte die Nachfolge zu ver⸗ ſchaffen. Die Fürſten nämlich wollten kein mächtiges Oberhaupt mehr und haben dem Hauſe Habs⸗ burg erſt dann gegönnt, das Reich unter ihrer hinzukommenden Wahl zu behalten, nachdem es ihnen gelungen war, die Königsgewalt völlig zu brechen*). Je ärmer die Koͤnige waren und jeder folgende fing ärmer an als ſein Vorgänger deſto mehr konnten die reichen Vaſallen nach Willkühr ſchalten, und wo keine Reichsgüter mehr waren, hörte auch die Reichsgewalt auf und damit der örtliche Einfluß des Kaiſers, der zuletzt eine politiſche Abſtraction werden mußte.

Was früher ein Anrecht auf den Thron zu ſein ſchien, nämlich Abſtammung von dem Königsgeſchlecht und Macht, galt jetzt als Grund zur Ausſchließung. Die Erniedrigung der Krone zeigte ſich ſo recht bei der Wahl und der Abſetzung des durch perſönliche Tüchtigkeit ausgezeichneten Königs Adolf. Die Fürſten, die für ſich das Recht des willkürlichen Wählens in Anſpruch genommen, maßten ſich nun auch die Befugniß an, unter allerlei Gründen die Abſetzung auszuſprechen. Von Adolfs Nachfolgern Albrecht und Heinrich VII. verfolgte de erſtere ſein Ziel, das Königthum wieder zur Wahrheit werden zu laſſen, mit Kraft und Maß; aber Verrath endete ſein Leben, bevor er ſeinen Beruf erfüllt; der Luxemburger ſtürzte ſich, nachdem er Böhmen für ſein Haus gewonnen, in das Wirrſal der italieniſchen Parteikämpfe, ohne dem wieder erneuerten Kaiſerthume Kraft zu verleihen. Letzteres lag ihm wohl auch ferne; dem Weſen der Luxemburger entſprechend, war es der äußere Glanz, der ihn anlockte. Für das

¹)Blieben, ſagt Böhmer(Reg. 1246 1313, S. 55)die churfürſten nach Rudolfs tod bei Habsburg, wie dies bei den früberen königsgeſchlechtern geſchehen war und den karolingiſchen ſatzungen entſprach, ſo konnte Oeſtreich Bem heile Deutſchlands dem neuen hauſe die verlorenen Reichsdomänen erſetzen und durch ſeine kraft dem vaterlande. die einheit erhalten, deren es zu unverkümmerten fortleben bedurfte. Wenn nun die ſelbſtſucht der churfürſten dies binderte, und wenn die königliche macht mit allen mitteln des misbrauchs und der zwietracht bald unrettbar unter⸗ graben wurde, ſo blieb nun dog weuigſtens ein größeres ganzes an der gränze, welches den Ungarn und Türken

widerſtand, und der krone, als die Habsburger ſie wieder trugen, einen ſchein lieh, daß ſie nicht ganz in die verach⸗ tung ſank. Nur dort im ſüdoſten hat Deutſchland bis heute kein dorf eingebüßt.