Aufsatz 
Einleitung zur Geschichte der vier Grafen von Nassau auf dem Erzstuhle von Mainz
Entstehung
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I. Die politiſche Lage Deutſchlands in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts.

Das deutſche Reich wurzelte in der Vereinigung der fünf ſelbſtſtändigen Stammesherzog⸗ thümer der Franken, Sachſen, Schwaben, Baiern und Lothringern, wie ſie mit Heinrich I. begonnen, unter Otto dem Großen feſter begründet und durch die Wahl Konrad's II vollendet und beſiegelt worden war. So lange dieſe Grundfeſte des Reichs, das allmählich die benach⸗ barten ſlaviſchen Länder, die Schweiz, Italien und Burgund in den Kreis ſeiner Herrſchaft zog, ungebrochen beſtand: unter der ſächſiſchen und fränkiſchen Dynaſtie, ſah unſer Volk die Tage ſeiner Macht nnd Größe. Politiſch feſt im Innern geeint, eine großartige Thätigkeit auf allen Gebieten des Lebens entfaltend, ſeiner Kraft bewußt, ohne mit maßloſer Kränkuug und höhniſcher Verachtung andern Nationen zu begegnen, die Sache des Chriſtenthums ſchützend und föordernd, ſtand es da wie eine koloſſale Feſte inmitten des Abendlandes, unter deſſen Reichen es den Principat unbeſtritten behauptete, ſeitdem das Oberhaupt der Kirche ſeinen Herrſchern die von Karl dem Großen getragene römiſche Kaiſerkrone gereicht hatte. Mit dieſer übernahm ja der König der Deutſchen die Verpflichtung, die Kirche in allen Ländern zu ſchirmen, den Frieden in der Chriſtenheit zu bewahren und die unter den einzelnen Reichen entſtehenden Streitigkeiten zu vermitteln und zu entſcheiden. Damals betrachtete man die Chriſtenheit als eine große Ge⸗ meinſchaft, für deren ewiges und zeitliches Wohl der Papſt mit der geiſtlichen, der Kaiſer mit der weltlichen Gewalt in gegenſeitiger einträchtiger Unterſtützung thätig ſein ſollten. Freilich war die Löſung dieſer Aufgabe ein ſchweres Werk; ſie gelang auch nur, wo wahre Geiſtesgroße Mäßigung und Friedensliebe ſich mit der äußeren Gewalt verbanden, wie wir es in der Bluͤthe⸗ zeit des Reiches unter Heinrich II., Conrad II. und größtentheils unter Heinrich III erblicken ²). Allein wie Alles unter der Sonne dem Wechſel unterworfen iſt, ſo geht es auch im politiſchen Leben der Völker. Unter Heinrich IV. ließ ſich das deutſche Königthum in einen unheilvollen, lang dauernden Kampf wit dem Fürſtenthume und zugleich mit der Kirche ein, unter deren ſegenvollen Obhut es ſich gebildet hatte, und die ſeither die treueſte Bundesgenoſſin gegen äußere und innere Feinde geweſen war. Schwere Wunden ſchlugen dieſe Kämpfe zwiſchen sacer- dotium und imperium; allein ſie wurden geſühnt, und das Reich, deſſen Grundlage noch unverrückt war, konnte un er Lotyar von Sachſen ſich zu der früheren Macht erheben. Anders wurde es unter der ſtaufiſchen Dynaſtie. Friedrich I. zertrümmerte aus perſonlichem Haſſe die beiden mächtigen Herzogthümer Baiern und Sachſen, wodurch im Gegenſatz zu ſeinen Abſichten die Macht des Königthums vermindert, dagegen die Territorialgewalt der Reichsvaſallen begründet wurde. Damit war die Reichsverfaſſung erſchüttert. Zwar ſuchten die Staufer für die Schmächung in Deutſchland einen Erſatz in der Erwerbung Siciliens; allein der neue Königsmantel war das Neſſusgewand, das bald entzündet, ſeinen Trägern den Untergang bereiten mußte. Cie entfremdeten ſich der deutſchen Nation, verlegten den Schwerpunkt ihrer Herrſchaft nach Italien und ſtürzten ſich hier, den Aepfeln der Hesperiden nachjagend, während das Vaterland ſich ſelbſt oder unmündigen Königen, ſogar bei der großen, von Oſten drohenden Gefahr, überlaſſen blieb, n einen für ſie unheilvollen Kampf mit der Kirche und den auf ihren Reichthum ſtolzeu Städten Oberitaliens. Dazu kam der zehnjährige Kronſtreit zwiſchen Philipp und Otto. Er ſpaltete Deutſchland in zwei feindliche Heerlager, von denen, was ein warnendes Beiſpiel für die Zukunft

*) Gieſebrecht, G. d. d. Kaiſerz. II, 503 ff.