Aufsatz 
Einleitung zur Geschichte der vier Grafen von Nassau auf dem Erzstuhle von Mainz
Entstehung
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Den boden zu kennen worauf man ſteht, zu wiſſen was einſt geweſen nun aber ver⸗ ſchwunden, einzuſehen wie das gekommen, zu begreifen was in der vorzeit wurzelnd noch aufrecht ſteht: das ſcheint mir anfang und vorbedingung aller beſſeren bildung; doppelt wichtig einem volke deſſen ſelbſtſtändige entwicklung gehemmt war, welches neu ſich erheben will, und nun doch nicht die letzten jahrhunderte der verſunkenheit fortſetzen, ſondern anknüpfen möchte an die früheren der kraft und größe. Mit dieſen Worten bezeichnet der berühmte Verfaſſer der Kaiſerregeſten die hohe Aufgabe der vaterländiſchen Geſchichte.*) Allein nicht blos die Kenntniß und das Studium der allgemeinen Geſchichte Deutſchlands oder des altehrwürdigen Reiches, deſſen Wiedererſtehen ſeit ſeinem Untergange von den Einſichtsvollſten und Beſten der Nation erfehnt wird, iſt für uns wichtig und zur Erfüllung der Aufgabe der Gegenwart förder⸗ lich, ſondern wir muüſſen zugleich auch Intereſſe und Liebe zu dem Theile des großen Ganzen pflegen und wecken, auf dem unſere Wiege geſtanden, und dem wir durch beſondere Stammes⸗ eigenthümlichkeiten zunächſt angehören. Hier iſt noch manche Schuld der Dankbarkeit gegen die Vorfahren abzutragen, noch mancher Preis zu erringen! Wie viel insbeſondere noch für die Geſchichte unſers in mancher Beziehung ſo herrlichen Naſſau's, eines Zweiges des königlichen Stammes der Franken, zu leiſten iſt, welchem Geſchichtsforſcher wäre es unbekannt? Ohne die Arbeiten eines Reinhard, Kremer, Arnoldi, Vogek, Hennes und Anderer zu unterſchätzen, müſſen wir leider geſtehen, daß für die Walramiſche Linie unſeres Regentenhauſes mit Ausnahme des Königs Adolf und deſſen Geſchichte verlangt nach dem heutigen Stand der Wiſſenſchaft eine neue Bearbeitung ſo gut wie nichts geſchehen iſt. Daher dürfte es, wie ich hoffe, eine lohnende Arbeit ſein, der Blütheperiode unſeres hochedeln Grafengeſchlechtes im vierzehnten Jahrhundert ein gründliches Studium zu widmen. Damit beſchäftigt beabſichtige ich vorerſt das Wirken der vier Grafen von Naſſau, die auf dem Erzſtuhle von Mainz eine bedeutungs⸗ volle Stellung im Reiche einnahmen, urkundlich darzuſtellen. Erloſchen zwar war in ihrer Zeit der Glanz und die Herrlichkeit des h. römiſchen Reichs deutſcher Nation; es näherten ſich dem drohenden Verfalle all' die wunderbaren Gebilde, welche kurz vorher in Kirche, Staat und Kunſt einen Höhepunkt erreicht hatten, der für die Späteren als unerreichbar erſcheint: allein grade dieſe Periode iſt für die Gegenwart ſo belehrend und mahnend, weil in ihr der vielfache Zwieſpalt, woran die Neuzeit krankt, ſeinen Anfang nahm. Daß dabei das Ineinandergreifen der verſchiedenartigſten Beſtrebungen und Verhältniſſe, wie ſie das vierzehnte Jahrbundert bietet, der Forſchung große Schwierigkeiten bereitet, das hat wohl jeder erfahren, der die Geſchichte jener Zeit zu ſeiner Aufgabe gemacht hat, und ob ich im Stande bin, auch nur einigermaßen den ſtrengen Forderungen der Wiſſenſchaft zu genügen, das mögen Kenner beurtheilen, wenn die Geſchichte des Erzbiſchofs Gerlach vollendet vorliegt. Vor der Hand ſoll als Grundlage folgende Einleitung dienen, worin ich die politiſche Geſtaltung Deutſchlands in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, die Stellung der Mainzer Erzbiſchöfe zum Reiche und zu der Stadt Mainz, endlich die Lage unſeres Grafenhauſes, insbeſondere die Thätigkeit des Vaters des ge⸗ nannten Erzbiſchofs in aller Kürze darzuſtellen verſucht habe.

¹) J. Fr. Böhmer, Font. Rer. Germ. II, S. VII.