Aufsatz 
Der Kampf des Erzbischofs Gerlach von Nassau mit Heinrich von Virneburg um das Erzstift Mainz.
(Fortsetz. d. Progr. v. 1861.)
Entstehung
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Ländern und Städten Deutſchlands und den Theilen Frankreich's, wo Juden wohnten, eine große Verfolgung derſelben, ſo daß ſie nur in wenigen Orten vertheidigt wurden. Da in Mainz das Volk in einem unvorhergeſehenen Auflaufe gegen die Juden aufſtand, ſo gingen dreihundert bewaffnete Juden auf die Chriſten los und tödteten ihrer zweihundert, worauf die aufgebrachten Bürger über ſie herfielen und an 6000 erſchlugen, weil von ihnen erzählt wurde, ſie ſchütteten Gift in Säcken in die Brunnen in allen von Chriſten bewohnten Gegenden und trachteten die Chriſtenheit auszurotten. Einige Juden, die man auf die Folter gebracht, hätten ſolches einge⸗ ſtanden. Dieſe Verfolgung habe an 2 Jahre gedauert*). Joh. Naukler berichtet, daß bei dieſer Judenverbrennung, in der Nähe der Quintinskirche, ein ſolcher Brand entſtanden, daß ihr Thurm in Brand gerathen und die große Glocke nebſt den koſtbaren Fenſtern dieſer Kirche verſchmolzen ſeien*). Der zuletzt genannte Zeuge ſchreibt in ſeiner Chronik der Frankfurter Do⸗ minikaner:Im nemlichen Jahr 1349 ſeyn auf den Feſttag des h. Bartholomäus alle Juden zu Mainz von den Bürgern dem Feuer übergeben und verbrant worden.

Während ſo in den Städten auf die grauſamſte Weiſe gegen das Volk gewuͤthet wurde, das unter den chriſtlichen Nationen als lebendiger Zeuge des Erlöſungswerkes Chriſti fort⸗ exiſtirt*), erkannten Andere in den Drangſalen der Zeit die ſtrafende Hand Gottes. Es verbreitete ſich die Annahme von der Nähe des jängſten Gerichtes; der Bußgeiſt erwachte in geſteigertem Grade, ſo daß man ſelbſt die kirchlichen Bußübungen für unzureichend hielt. Durch außerordentliche Mittel wollte man die Strafe des Himmels abwenden, und ſo ent⸗ ſtanden die Geißlerfahrten. Die bald auch am Rheine erſcheinenden Schaaren vermehrten durch den düſtern Ernſt ihrer Reden und ihre unnatürlichen Bußübungen das Entſetzen des Volkes, aus dem ſich ganze Haufen von Männern, Weibern, Jünglingen und Mädchen, ſelbſt Kinder ihnen anſchloſſen. War es auch anfänglich die aufrichtigſte Frömmigkeit, welche dieſe außer⸗ ordentliche Erſcheinung hervorrief, ſo entartete aber ſchnell der urſprüngliche Geiſt. Geſindel aller Art geſellten ſich ihnen zu, ſo daß die Fürſten und die Kirche gegen ſie auftreten mußten*). Anfangs wurde ſelbſt die Stimme der Kirche überhört, und der Erzbiſchof Balduin wagte nicht die päpſtlichen Befehle durch die Pfarrer vollziehen zu laſſen,weil dieſe von den Laien getödtet worden wären, ſondern durch ſeine Burggrafen und Schultheißen).

Dieſe traurigen Zuſtände bilden den düſteren Hintergrund zu der nun folgenden Geſchichte und geben einen Haupterklärungsgrund ab, warum der Krieg, welcher nach damaliger Weiſe meiſt nur in Plünderungen und Verheerungen des gegneriſchen Gebiets beſtand, ſo lange ohne Entſcheidung ſich hinzog. Die Mainzer Stiftslande geriethen in den troſtloſeſten Zuſtand, und die Kirche erlitt einen Verluſt an Vermögen und Einkünften, der ſelbſt durch Gerlach's kluge und weiſe Regierung nicht ganz wieder erſetzt werden konnte. Das Volk in Stadt und Land blieb bei dem Kampfe größtentheils theilnahmlos, und die Thätigkeit vieler Bundes⸗ genoſſen war gelähmt, ſo daß Gerlach hauptſächlich von den Seinen Hilfe erwarten konnte. Bei dem Beginne des Jahres 1348 ſchien das Kriegsglück den Naſſauern günſtig, denn Graf Johann nahm im Januar den Konrad von Kirkel mit vielen Bewaffneten gefangen ²). Doch

1) H. Rebd. 635. 2) Joannis I, 662. 3) Daher ſagt der Papſt in ſeiner Bulle gegen die Verfolger von den Juden:quos pietas christiana retinet et sustinet. 4) Vergl. die Limburger Chronik 422 ff. und Tiſchendorf,die Geißler im J. 1349. Die Bulle des P. Clemens VI. gegen die Flagellanten vom 20. Okt. 1349 bei Tritheim Hirs. II, p. 209. 5) Gest. Trev. II, p. 262. 6) Zwiſchen dem 7 und 18 Januar. Denn an jenem Tage ſtellte Kirkel noch als Vormünder des Erzſtifts eine Urkunde aus über einen Vertrag mit Joh. und