Aufsatz 
Der Kampf des Erzbischofs Gerlach von Nassau mit Heinrich von Virneburg um das Erzstift Mainz.
(Fortsetz. d. Progr. v. 1861.)
Entstehung
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Wahl dem Markgrafen Karl von Mähren ihre Unterſtützung zuzuwenden, da derſelbe vom römiſchen Stuble als tauglich anerkannt werde. Zugleich ſchickte der Papſt einen Biſchof nach Deutſchland, um den Balduin vom Banne zu löſen, und gab dem letzteren die Vollmacht, andere zur Kur kommenden Wahkfürſten, die ebenfalls von kirchlichen Cenſuren getroffen waren, nament⸗ lich den Herzog Rudolf von Sachſen, davon loszuſprechen. Auch überſandte er dem Erzbiſchof Gerlach eine Abſolutionsformel, kraft welcher die vom päpſtlichen Stuhle zu Ludwig Abge⸗ fallenen wieder in die Gemeinſchaft der Kirche aufgenommen werden könnten*). Darin heißt es: Mit dem Ludwig von Baiern, ſo lange dieſer in der Auflehnung gegen die Kirche verharren wird, oder mit andern Häretikern und Schismatikern oder mit ihren durch die Kirche bezeichneten Anhängern will ich ferner nichts zu thun haben; ich werde ihnen und allen andern weder mit⸗ telbar noch unmittelbar, weder öffentlich nach heimlich, Rath, Hilfe oder Beifall geben; auch will ich keinem als Kaiſer gehorchen oder anhängen, wenn er nicht zuvor durch die Kirche ge⸗ nehmigt worden iſt; dem ſeiner Stelle entſetzten Heinrich will ich nicht anhängen, ſondern den Gerlach als Erzbiſchof von Mainz anerkennen, die Rechte der Mainzer Kirche vertheidigen u. ſ. w. ²).

Während nun K. Johann und Karl noch einige Zeit in Frankreich verweilten, und letzterer insbeſondere freundlichſt mit dem Kronprinzen Johann verkehrte, der ihm am 30. Mai eid⸗ lich das Verſprechen gab, in jeder Lage des Lebens ihm ein wahrer Freund ſein zu wollen, betrieb ihre Partei, vorab Balduin und Gerlach, die neue Königswahl. Am 20. Mai ladet letzterer von Metz aus den Erzb. Walram von Köln zur Wahl nach Renſe auf den 11. Juli und erklärt in merkwürdigem Vertrauen auf ſeine kaum eingenommene Stellung, er werde, möge nun der Kölner kommen oder nicht, mit den andern Kurfürſten dort zuſammentreffen, nach Recht vorſchreiten und ſich durch keine Hartnäckigkeit irre machen laſſen ²*). Man ſieht, Walram machte anfangs Schwierigkeiten. Daher begab ſich K. Johann ſelbſt nach Köln und gewann durch große Geldopfer und Zugeſtändniſſe denſelben für die Sache ſeines Sohnes. Am 15. Juni verſprach er daſelbſt unter der Bedingung, daß Walram ſeinem Sohne die Stimme gebe und ihn kröne, eine Summe, die nach unſerem Gelde über 385,000 fl. beträgt*). Ebenſo wurden auch dem H. Rudolf von Sachſen große Summen zugeſichert. Die Anwendung ſolcher Mittel war eben ſeit den Zeiten der Staufer ganz gewöhnlich, und damals erkannte man darin nicht, wie jetzt, etwas Entehrendes. So erfolgte, nachdem Balduin in lakoniſcher Kürze dem Ludwig den Gehorſam aufgekündigt hatte, die Wahl zu Renſe. Verſammelt waren hier außer Gerlach Balduin von Trier, Walram von Köln, Johann von Böhmen und Rudolf von Sachſen, erklärten das Reich für erledigt, die Sentenzen Johannes XXII und Klemens VI gegen Ludwig für gerecht, die früheren Beſchlüſſe von Frankfurt und Renſe für ungültig und wählten den Markgrafen Karl einſtimmig zum römiſchen König, was ſogleich durch Gerlach den verſammelten Großen verkündet wurde*). Auf dieſe Weiſe erhielt das Reich ein neues Oberhaupt und einen neuen Erzkanzler. Karl, deſſen Wahl um ſo verſprechender er⸗ ſcheinen mußte, als er, durch eigene Herrſchaft mächtig, mit den bedeutendſten Regentenhäuſern Europa's verbündet, und der Papſt ſein Freund war, gelangte alſo zum Throne, wie einſt Otto IV. gegen Philipp von Schwaben, Friedrich II gegen Otto IV., Wilhelm gegen Friedrich II. Und was die Art der Erhebung dee Gr. Gerlach angeht, ſo war dieſe in den wirren Parteikämpfen des Jahrhunderts nichts ſeltenes: ein großer Theil der Biſchöfe ſeiner Zeit war auf gleichem

1) Böbmer a. a. O. 2) Binterim a. a. O. 3) Lacomblet, III unter d. Dat. 4) Ebendaſelbſt. 5) Gest. Trev. t. II, p. 258.