Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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Tierkörper. So brachte der wettkampfende Grieche in Olympia sich selbst den Göttern dar als lebendiges, ihnen heiliges Kunstwerk, strahlend in nackter, menschlicher Schönheit, gerade und im Gleichgewicht an Leib und Seele. In heißem Wettkampf zwischen Grieche und Barbar, zwischen Grieche und Grieche über ganz Hellas hin, zwischen Staat und Staat, Stadt und Stadt, Familie und Familie wurde dieses Ideal herausgearbeitet, festgehalten, weiter gebildet, bis es das Kulturziel des ganzen Altertums wurde. Auf seine Erzeugung war das ganze Leben des Griechenvolks gerichtet, seine Erziehungseinrichtungen, seine städtischen und natio- nalen Spiele, seine Staatsverfassung, seine Religion, vor allem seine Kunst und Litteratur. Welch ein ungeheurer Sporn, welch ein unerschöpflicher Reichtum des Antriebs, welche Entzündung von Wettbewerb mußte es für den Griechen sein, daß seine Dichter ihm nur Helden, seine Bildhauer ihm nur ideale Körperlichkeit vorführten!

Dann kam die Zeit, wo das griechische Ideal verdrängt wurde durch das Erscheinen des Christentums, dessen Sehnsucht und Ziel dem Mittelalter seinen Charakter und seine Kultur gab: die Ausbildung des Menschen zum Christen. Dies Kulturideal war in der Person Christi sofort verwirklicht und deshalb so außerordentlich wirkungskräftig. Das Christentum strebte nach Ausbildung eines Menschentypus, dessen Ideal die moralische Schönheit und die Nachfolge Christi war, und dessen Sehnsucht nicht in dieser Welt, sondern in dem Leben nach dem Tode lag, lauter Ziele einer innerlichen Ausbildung, die in der schroffen Betonung des Satzes, daß der Körper, wenn die Seele sich nach Gottes Wesen bilde, von selbst dem göttlichen Willen nach- gehe, sogar vielfach zur Vernachlässigung des Körpers führte. Seine künstlerische Ausprägung findet der Typus in der Gestalt des Gekreuzigten, der Muttergottes und der Heiligen, in denen die Körperlichkeit ausschließlich als Träger einer seelischen Stimmung erscheint, aber einer zum typischen Charakter gewordenen Stimmung, nicht eines bloß vorübergehenden Affektes, wie es die haltlose Leistung der modernen Kunst sein muß, die den Mangel eines allgemein gültigen Kulturtypus auch auf ihrem Gebiete bitter empfindet. Ist der Körper bei den Griechen zur höchsten menschlichen Schönheit erhoben, so ist er hier vernichtet durch den Geist und in der mater dolorosa, die den Jammer einer ganzen Welt trägt, aber auch die Hoffnung einer ganzen Welt, eine Offenbarung der Kunst geschaffen, für deren Möglichkeit auch nur in der ganzen griechischen Kunst keine Andeutung liegt. Hiermit allein schon rechtfertigt sich dieser Kulturtypus, wenn wir mit W. v. Humboldt glauben, daß der Zweck alles menschlichen Strebens darin besteht,nach und nach einen immer höheren Begriff der Menschheit als Thatsache aufzustellen, denn mit zu dieser Aufgabe gehört die allseitige Ausprägung des Inhalts dieses Begriffs. Der christliche Kulturtypus hat aber eine Anpassung an das Genie der Nationen erfahren, die ihn zu dem ihrigen machten. Je mehr Völker mit ihrer ganzen Eigenart das Christentum aufnahmen, desto mehr verschiedene Kulturtypen schieden sich aus. Allen bleibt zwar gemeinsam das Endziel ihres Strebens im Jenseits, aber der Typus wird national spezialisiert, und es werden ihm national innerweltliche Aufgaben gestellt. Die energischste kulturelle Ausbildung hat der christliche Typus in Spanien erfahren und bis in die neueste Zeit bewahrt, insofern die Renaissance kein ernstes Schwanken in seine Festhaltung bringen konnte, die Gegenreformation im Gegenteil seine energische Systematisierung durch Loyola brachte. Alle Schöpfungen des spanischen Volksgeistes wurden zu Hegestätten des spanisch-christlichen Typus: das Königtum wie die Kirche, das Kloster wie die Universität, die Familie wie die einsame Zelle der Beata, das Heer wie die Bruderschaften, die Geschichte der Glaubenskämpfe wie die Schriften der heiligen Theresa, die