Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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Eroberung der neuen Welt wie die unterirdische Inquisition; zuletzt unternahm es Loyola, den Christen durch seine exzercitia spiritualia mit bewußtem Willen zu erschaffen. Diesen spa- nischen Typus charakterisiert vor allem das Eintreten für die Lehre nach innen und außen, das Festhalten ihres Endziels und das Leben nach den Regeln, welche der spanische Volksgeist für nötig hielt zur Erreichung dieses Zieles: Disziplinierung des Körpers, des Denkens, des Ge- mütslebens, des Willens, wie sie durch die großen Namen Ximenes, Lullus, Theresa und Loyola vertreten sind, unter strengem Ausschluß des forschenden, aber auch zweifelnden Geistes der Kritik. Die ganze spanische Kultur: Geschichte, Litteratur, Kunst, Philosophie webt in diesem Ziel. In den Glaubenskàmpfen Spaniens nach außen und innen handelt es sich nur um das Pesthalten des stabilen Kulturziels mit den Zahnen, mit dem Glaubensschwert und der Inqui- sition; man rettet so die Einheit der Kultur und flüchtet aus dem Entweder-Oder, das einen Kierkegaard zerrieb. Es handelt sich hier nicht um moralische und Gewissensziele, wie es in Deutschland die Kämpfe der Reformation waren, sondern um das Festhalten des Kulturtypus. Und darum auch fordert Loyola das Opfer des Intellekts, denn dies war die Bedingung der Festhaltung dieses Kulturziels, nachdem die Erweckung der Wissenschaften es im übrigen Europa vernichtet hatte; und diesem Festhalten wird die große spanische Kultur des siebzehnten Jahrhunderts verdankt, während die Kultur in Deutschland dem Gewissen, man könnte auch sagen: dem Suchen nach dem Kulturziel, erlegen ist. Das Gewissen hat in Deutschland das christliche Kul- turziel selbst in Frage gestellt. Dazu ist es in Spanien nie gekommen. Den Deutschen hat die Gewissensnot und der gewissensgrüblerische Zweifel die Freudigkeit zu einer selbstgeschaffenen Kultur erdrückt, daher gibt es auch keine Kultur in Deutschland, und seine großen Geister sind keine primi inter pares in ihrem Volke, sondern Alleinherrscher, Tyrannen, Einsiedler, Parvenus, Hagestolze, gefährlich lebende Menschen, wageingrimmige Hochseefahrer und Entdecker, welche mit der vorchristlichen, ursprünglich germanischen Welt, wie sie die Heldenlieder zeigen, noch den Zusammenhang haben, daß ihnen der Wagemut der Altvordern eignet allem Furchtbaren und Fragwürdigen im Leben gegenüber. Nicht so in Spanien. Wo der romanisch-spanische Genius, dessen Arbeit nicht die des forschenden Geistes ist, sondern die Arbeit auf gegebener Voraus- setzung, sich des christlichen Kulturziels bemächtigt hat, da sehen wir ihn um seine Festhaltung einen Kampf kämpfen, gegen dessen finstere, blutige Energie hellenischer Wettkampf wie ein sonniges Spiel erscheint.

Die Renaissance kam und strebte zu dem Ideale der Antike zurück. Aber dieses Ideal mußte den Verhaltnissen der Zeit entsprechend eine verânderte Gestalt annehmen. Das Renais- sanceideal entstand im Ringen mit der christlichen Kultur, und so ist es dem griechischen gegen- über vor allem mehr bewußtes Kunstwerk, es wurzelt weniger tief im Volkscharakter, ist weniger autochthon entstanden, und sein Typus zeigt deshalb eine buntere Mannigfaltigkeit der Aus- prägungen, als sie der festgeschlossene griechische Idealtypus zuließ. Das Ideal der Renaissance war die höchste Individualitàt und zugleich die höchste Universalitat des einzelnen, die allseitigste Ausbildung und Bethätigung seiner individuellsten Kräfte, mit starker Betonung der körperlichen und geistigen Genußfähigkeit. Der Schauplatz dieses Typus war die Gesellschaft, die Renaissance- gesellschaft, mit den unzähligen in ihr wirkenden produktiven Kräften, den unzähligen durch sie gebotenen Genüssen. Künstlerisch verkörpert finden wir ihn in der Mannigfaltigkeit indivi- quellster Schönheitstypen von den übermenschlichen Gestalten Michel Angelos bis zu dem gesaàt- tigten Ausleben der Menschen Raffaels. Der stetige Blick des Christen auf das Jenseits ist ver-