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des Mittelalters, der Renaissance; über Kultur jedoch kann ich nur etwas erfahren, wenn ich Griechen, mittelalterliche Christen, Renaissance-Italiener und moderne Menschen vergleiche. Die Kultur ist diszipliniertes Handeln, Können und Fühlen des Individuums, ein In-Proportion-stehen seiner Fähigkeiten, eine Mannigfaltigkeit von geschulten Kräften, die ihre Einheit erhalten durch die energische Zusammenfassung im Streben auf ein als Vorbild wirkendes Ziel oder in der Grund- stimmung einer Weltanschauung. Der Gegensatz dazu, die Unkmultur, ist einerseits die einseitige Ausbildung bestimmter Fähigkeiten, die das Gleichgewicht des Individuums stört, andererseits der Mangel einer alle Kräfte in ein Bündel zusammenfassenden Grundrichtung oder Grund- stimmung, der zugleich eine Lähmung der Willenskräfte bedeutet. Letzterem Krankheitssymptom gegenüber betonen die Amerikaner bereits die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit der litera- ture of power im Gegensatz zur literature of nowledge, d. h. sie wollen den Menschen mit einer Energiequelle in Verbindung setzen. Es dämmert ihnen die Wahrheit auf, daß Wissen keine Bildung ist, daß es nicht genügt, Werke wie die der Griechen bewundern, würdigen, genießen zu können, ja daß es noch keine Kultur ist, selbst auf diesem und jenem Gebiete Hervorragendes zu stande zu bringen, daß erst dort die Kultur beginnt, wo wir, durch den Umgang mit Großem und Edlem veredelt und angespornt, dem Ebenbürtiges oder Nahestehendes deshalb zu leisten vermögen, weil wir Menschen geworden sind, die ihrem Wesen nach zu so was groß genug und fähig sind, Menschen, deren Thaten nicht mehr bloß groß sind, sondern deren Leben groß ist. Aber in der von ihnen vorgeschlagenen einseitig praktischen und auch oberflächlichen Weise läßt sich das UÜbel nicht bekämpfen, denn diese Willenslähmung hat ihren tieferen Ursprung eben in jenem Mangel an Grundrichtung der Willenskrafte auf ein Ziel. Hier muß geholfen werden, hier liegt die Schwäache des modernen Menschen, und hieraus ist auch das Fehlschlagen der modernen Kulturbestrebungen zu erklären. Alle früheren Zeitalter hatten ihre Ziele und ihre Weltanschauung und den energischen Willen, sie mit Aufopferung alles anderen festzuhalten, alle ihre Kräfte daraufhin zusammenzufassen: die Griechen, das Mittel- alter, die Renaissance. Die Modernen haben sie nicht. Die meisten wissen nicht einmal, daß sie sie nicht haben, und leben in selbstzufriedener Gleichgiltigkeit dahin; einige der Besten sind zerschellt an dem Suchen nach einem Kulturziel: Hölderlin, Kierkegaard, Nietzsche; einige wenige hatten die Energie, sich selbst eines zu stecken und danach zu leben: Goethe, W. v. Humboldt; aber diese wenigen blieben ohne Einfluß auf die Massen, sie bildeten und bilden nur ein Ferment, vermochten jedoch ihre Kultur und ihr Streben nicht dem ganzen Volke einzuimpfen. Es ist nicht die Höhe ihrer litterarischen oder künstlerischen Bildung, wie man gewöhnlich annimmt, die sie dem Volke unverständlich macht, sondern die Höhe ihrer Kulturziele, ihrer Grundrichtung und Grundbewegung: ein Böcklin bleibt heute in seinen kulturellen Zielen so unverstanden, wie ein Nietzsche in seinen kulturellen Nöten.
Wie entstanden aber Kulturen wie die der Griechen, die des Mittelalters, die der Re- naissance d. h. ganze Generationen von Menschen, die, jeder nach dem Grade seiner indivi- duellen Begabung, einer wirklichen Kultur teilhaftig waren? Sehen wir von der Grundbedingung der günstigen Beschaffenheit des Landes und Klimas ab, so sind es zwei Dinge, von deren Vor- handensein überhaupt die Möglichkeit einer geschlossenen, weite Kreise erfassenden und lange Zeiträume durchlaufenden Kultur abhängt. Das erste ist die in ein Volk gelegte ursprüng- liche Anlage und Sehnsucht, die aus sich die Gestalt eines Idealtypus ge- biert, dessen Realisierung das Ziel aller Kulturbestrebungen des Volkes wird. Dies Ziel trägt


