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der Kultur die Erreichung des größtmöglichen Genusses für alle, ein anderer will die Kultur nach der Abnahme des Unterschiedes zwischen Hoch und Niedrig berechnen. Steigen wir höher hinauf, so tritt an die Stelle dieses ökonomisch-sozialen Begriffes der des Wissen- schaftlers, der den wissenschaftlichen Fortschritt einfach mit dem Kulturfort- schritt der Menschheit identifiziert, wie es die chilenischen Lehrpläne thun, wenn sie, vom gegenwartigen Stande der Wissenschaft redend, ihn gleichsetzen mit dem Stande der„Ent- wickelung der Menschheit“ und des„Fortschrittes der Welt.“ Alle diese Maßstäbe wollen die Kultur äußerlich messen an ihren Produkten, anstatt den Menschen zu betrachten, der der Träger der Kultur ist. Das Prosperieren einer Nation mag an ihren Produkten zu messen sein, die Kultur ist nur zu werten nach den Menschentypen, welche ihre Vertreter sind. Nicht an den Produkten ist die Kultur meßbar, sondern nach den Menschen sind umgekehrt die Pro- dukte und damit die Höhe und der Wert einer jeweiligen Kultur zu beurteilen. Wie müssen sich hier die Begriffe bereits verwirrt haben, wenn man in einem Atem von unserer alten, müden Civilisation redet und dem Fortschritt der Menschheit, als ob es einen Fortschritt der Menschheit geben könnte ohne einen Fortschritt der Menschen. Es ist eine Begriffshypostasierung, von der Kultur eines Volkes zu reden, die sehr irreführend gewirkt hat. Das Volk ist ein Begriff, keine persönliche eins. Das Volk ist Personen, aber keine Person. Nur eine Person kann Kultur haben, kein Volk. Ein Volk kann kultivierte Individuen bergen und kulturschaffende, hegende,-fördernde Institutionen haben, aber keine Kultur. Diese Begriffshypostasierung ist es, welche mit dazu beigetragen hat, die Kulturerzeugnisse eines Volkes mit dessen Kultur zu identi- fizieren. So spricht man von der Kultur der Griechen und denkt dabei an die Erzeugnisse ihrer Kultur. Aber von diesen gilt es zurückzuschließen, sich zurückzufühlen zum Wesen der Griechen. Erst wenn wir hier etwas gefunden haben, haben wir etwas Wissenswertes und Fruchtbringendes gefunden. Die Kultur ist etwas Persönliches, Lebendiges, eine Kraft, ein agens, kein actum, es sind lebendig wirkende Fähigkeiten der einzelnen Personen. Der„Faust“ ist nicht die Kultur Deutschlands, auch nicht die Kultur Goethes, sondern Goethes Kultur hat den„Faust“ hervor- gebracht, sie hätte ebensogut ein anderes Litteraturwerk hervorbringen können. Der„Faust“ ist ein Zufall in der Wirkung des Genius und der Kultur: Goethe. Erst wo wir durch den„Faust“ hindurch Goethe selbst zu fassen bekommen, treten wir in Berührung mit der Kultur: Goethe. Und so auch allein ist heute Kultur zu erwerben. Sie ist eine Veredelung des Menschen durch den Umgang mit Edelem. Innerlich wie äusserlich bildet sich so das Individuum dem Edelen an und nach; so erwirbt es edles Fühlen und Denken, aber auch edle Sprache, Haltung, Bewegung, die mit ein wesentlicher Teil der Kultur sind. Ihrem innersten Kern nach offenbart sich so die Kultur als etwas, das über dem Können und Wissen des Menschen auf einzelnen Gebieten steht, als die harmonische Verfassung seines persönlichen Wesens, das im Umgang mit dem Schönen und Großen zum Schönen und Großen herangebildet wird. Deshalb ist es möglich, hohe Kultur anzueiguen im einseitigen Umgang mit der großen Musik, denn dies heißt umgehen mit den erlauchtesten Geistern des Menschengeschlechts. Welche Fülle von Verstand, Herz, an- gestrengter geistiger und gemütlicher Arbeit und Selbstzucht erfordert wird bei der Versenkung in Bach und Beethoven, und welch eine Veredelung der erfahren haben muß, der es in ihrer Nähe aushaält, das geht dem wie eine Offenbarung auf, der lange Zeit nur Gelegenheit hatte, Walzer und Cueca zu hören. So redet man weiter von der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts und meint damit die Fortschritte in Wissenschaft und Technik und vergleicht diese mit denen Griechenlands,


