Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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Kreis methodisch gewonnenen Wissens und die Vervollkommnung der Forschungsmethoden, an- statt mitzukämpfen in diesem Ozean, der uns von allen Seiten umbrandet, so lasse ich mir ein ungeheueres Feld der Bethätigung von Geist, Gefühl, Einbildungskraft, Mut, Willen entgehen und nehme dem Leben alle die Buntheit, die es in anderen Zeiten hatte, und damit einen gewal- tigen Reiz und alle die Mittel, welche den Menschen und das Dasein interessant zu machen ver- mögen, ganz abgesehen von der Einbuße an Kraft, die der Typus durch das Brachliegen aller dieser Fähigkeiten erleiden muß, denn mit der Beiseitestellung der großen Pro- bleme schwinden auch die großen Geistes- und Willenskräfte, die der Kampf um sie erforderte und großzog.

Es ist aber zu fürchten, daß nach dem ethisch-kulturellen Ziele, welches er sich steckt, der ganze Geist der Lehrpläne von einem falschen Begriffe dessen ausgeht, was Kultur ist. Die Erziehung zu Bescheidenheit, Beobachtung, Wissensdurst und die Aus- stattung für das Leben mit nützlichen Kenntnissen ist kein wahrhaftes Kulturziel. Es wird jeder Staat der Aufgabe gerecht werden müssen, seine Bürger für das Leben auszustatten(Wozu auch die Vorbereitung zum Universitätsstudium gehört, die die Realschule so gut und in vielen Fällen besser gewährleisten mag als das Gymnasium in seiner vergangenen und gegenwäartigen Gestalt), und die Schulen, welche diesen Zweck zu erfüllen haben, werden die bedeutende Uber- zahl bilden müssen und die größte Aufmerksamkeit und sorgsamste Pflege verdienen; aber wo es sich um die höchsten Erziehungsanstalten eines Staatswesens handelt, welche die Kultur- träger der Zukunft bilden sollen, da ist das, was hier als Ziel aufgestellt wird, keineswegs aus- reichend, um das Erstehen einer wahren Kultur zu gewährleisten. Aber es darf nicht verwundern, daß man sich in Amerika bei Aufstellung der obersten Ziele der Kultur vergreift, ist doch in Europa selbst der Begriff, den man mit dem WorteKultur verbindet, höchst schwankend und unklar, ja diese Unklarheit wird zum System erhoben in der Ansicht, daß sich das Wesen der Kultur selbst ändern könne, daß es etwa früher gültige und einen heute gültigen Begriff der Kultur gebe, daß der Fortschritt auf bestimmten Wissensgebieten oder das Auftreten gewisser Entdeckungen und Erfindungen das Wesen der Kultur selbst beeinflusse. Das Wesen der Kultur ist in allen Zeitaltern dasselbe; was sich ändert, sind allein die Kulturtypen: so läßt sich ein antiker, ein mittelalterlicher und ein Renaissance-Typus unterscheiden. Es giebt nur einen wahren Begriff der Kultur, alle anderen sind falsche, gerade wie die Kunst ihrem Wesen nach nur eine ist und allein die Typen, die sie schafft, ewig wechseln, daneben aber die verschiedensten Arten der Afterkunst bestehen. Und von solchen falschen Begriffen der Kultur ist heute Europa voll.

Da herrscht zunächst eine starke Neigung, die Kultur einer Zeit nach ihren Errungen- schaften zu bemessen, besonders nach ihren Fortschritten auf politischem, sozialem, ökonomischem und wissenschaftlich-technischem Gebiete, und innerhalb dieser Schätzung wieder überwiegt in der breiten öffentlichkeit die Seite der Errungenschaften, welche die Beherrschung der Natur einerseits und eine gewisse Polizierung der Bevölkerung andererseits zu Wege gebracht hat. Hat doch ein Mann wie Liebig den unseligen Satz ausgesprochen, die Kultur eines Landes lasse sich nach seinem Seifenverbrauch bemessen. Hier haben Industrielle