Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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eignet wären. Gegen die Anmutung der Selbständigkeit ist anzuführen, daß sie gegen den Instinkt des Kindes geht, welches überall nach Autorität lechzt, sie sucht als den Stab, an dem sich die noch kraftlose Pflanze emporzuranken vermag, und daß jegliche Kultur zur Grundbe- dingung geradeGehorsam und Gewöhnung hat. Die Erziehung zur Beobachtung dann als einer mit Reflexion verbundenen Betrachtung und Belauschung der Natur erscheint gleichfalls als Vergewaltigung des kindlichen Geistes; sie stört daspersönlich-unmittelbare Verhältnis des- selben zur Natur und rüttelt den Geist wach in einer Zeit, in der der Schlaf das Wachstum von hundert Möglichkeiten behüten sollte, es ist die Pflanzung eines alten Gehirns in die Jugend, denn Beobachtung, Historie und Selbstandigkeit sind Attribute des Alters.

In unauflöslicher Verbindung mit dem Grundstreben der Lehrplane steht ferner die Thatsache, daß in dem ganzen Unterrichte dem Schüler überall nur Dinge und Methoden gegenübertreten, daß er nirgends unter die Wirkung großer Persönlichkeiten gestellt wird; selbst im Geschichtsunterrichte tritt hinter der Erklärung der Entwickelung und der Massenbe- wegung der einzelne große Mensch zurück, und der Schüler steht auch hier mehr Gesetzen als Personen gegenüber. Dies ist von schwerwiegendster Bedeutung, denn für die Erziehung der Jugend ist es der Geist eines Mannes, die Kraft seiner Uberzeugung, die Glut seiner Leiden- schaft, die Art und Freiheit seines Blicks, die Federkraft seines Willens, die Wahrheit seiner Persönlichkeit, die Ursprünglichkeit seines Charakters in Schrift, Wort oder Kunstwerk was allein wichtig ist, was wirkt, was Frucht schafft, nicht das, was er denkt, was er als Reältat heraus- stellt. Denn dies wird immer Fehler zeigen, aber an der Berührung mit seiner Person entzündet sich der gleiche göttliche Funke, der in ihm lebendig war; in so edler Gesellschaft Stunden, Tage, Monate, Jahre verbracht, mit ihrem Geiste Zwiesprache gehalten, ihres Geistes einen Hauch verspürt zu haben, ihre Fülle, ihr Leben, ihr Wesen, ihren Charakter, ihren Willen auf sich wirken zu lassen: das erzeugt Bildung. Lamartine sagt von sich:Tacitus verdanke ich nicht alle Fibern meines Fleisches, wohl aber alle metallischen Fibern meines Wesens. Gerade das Verständnis für die Wirkung von Person auf Person, die hier Lamartine schildert, scheint aber der Neuzeit verloren gegangen zu sein. Es herrscht vielfach Ratlosigkeit der Persönlich- keit, dem Charakter gegenüber. So vermochte uns einst niemand Blücher begreiflich zu machen, der kein großer Stratege, kein intellektuelles Genie und doch die Seele der Befreiungskriege und ihr größter Mann war.

Aber abgesehen von diesen höchsten Einflüssen, die, obgleich unkontrollierbar, den Charakter der Jugend mit unwiderstehlicher Gewalt formen und ihrem Willen die Richtung geben, mangelt dem bloß wissenschaftlichen Unterricht und damit dem Unterricht in der Gestalt, wie ihn die Lehrpläne feststellen, die Fähigkeit zur allseitigen Entfaltung selbst der einzelnen Geisteskräfte. Es liegen in ihm alle seelischen Fähigkeiten außer denen der Beobachtung und des Denkens brach, alle Einflüsse auf Gefühl, Gemüt, Leidenschaft, die produktiven geistigen Kräfte der künstlerischen Vorstellung, den Willen sind ausgeschieden. So sehr der Wissenschaft die Beschränkung auf die geistigen Kräfte der Beobachtung und des systematischen Denkens förderlich gewesen ist, welcher sie erst den festen Gang und die feste Methode verdankt, so wenig steht sie dem Menschengeiste überhaupt an, denn in ihm lebt nicht allein der konsta- tierende Verstand, sondern eine Reihe produktiver Kräfte, und in wem diese unterdrückt worden sind, der ist ein verstümmelter Mensch. Man vergegenwärtige sich eine rein wissenschaftliche Stunde und lese dann einen Abschnitt wie Hektors Tod. Blieb dort der ganze affektive Teil