Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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des deutschen Turnens und die hygienischen Belehrungen. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß unter den Handen deutscher Päadagogen der Unterricht, trotz der wiederholten Betonung des relacionar el estudio eientifico con la vida practica del hombre, eine philosophische Vertiefung erfuhr, die die zunächst vorwiegend praktische Tendenz des naturwissenschaftlichen Unterrichts zurücktreten ließ hinter zwei tiefergreifenden Bestrebungen: der Mitteilung der naturwissenschaft- lichen Forschungsmethoden und der Erziehung des Geistes der Schüler zu den zur Anwendung dieser Methoden nötigen Fähigkeiten. Da nun diese Methoden bis zu einem gewissen Grad selbst in den sprachlichen Disziplinen Eingang gefunden haben, so sehen wir den ganzen Geist der Schule von naturwissenschaftlichem Denken beherrscht. Damit stimmt denn auch überein, was die Frucht des ganzen Schulunterrichts sein soll, was den Ausarbeitern der Lehrplàne als ethisch-kulturelles Schlussergebnis ihrer erzieherischen Thätigkeit vorschwebt. Es ist in folgenden Sätzen ausge- sprochen:Unter dem Einfluß eines guten Unterrichts- und Erziehungssystems begreifen die Schüler die Unermeßlichkeit des Wissens und die Schwäche des Menschen zur Entzifferung der Geheimnisse der Natur; sie überzeugen sich, daß, was dem menschlichen Geiste einzig erkennbar ist, die Eigenschaften der Dinge sind und das Verhältnis der Kausalität zwischen den Erschei- nungen, dabß in dieser Kette ohne Ende, in welcher der Mensch selbst nur ein einzelnes Glied ist, der Anfang und das Ende des Daseins sich der Beobachtung entziehen, daß das, was man weiß, sehr wenig ist im Verhältnis zu dem, was es zu wissen gilt; und sie gelangen am Ende der Schule beseelt von einem lebhafteren Gefühle der Bescheidenheit als das, mit dem sie in die erste Klasse eintraten, und von einem Durste des Wissens, der um so unersAättlicher wird, je mehr man dem Geiste Nahrung gibt. Diesem Ziele dient die Disziplinierung des Geistes, die Mitteilung der wissenschaftlichen Arbeitsmethoden, die Geschichte der naturwissenschaftlichen Probleme und die Einführung in die der Lösung noch harrenden. Die zur Anwendung kommende Unterrichtsmethode beleuchten folgende, hier und da herausgegriffene Satze der Lehrpläne: Es ist von höchster Wichtigkeit, daß sich die erzieherische Thatigkeit in Rücksicht auf die Phantasie im Sinne von deren Disziplinierung äußere; der Anschauungsunterricht hat vorzüglich auf die Entwickelung systematischer Beobachtung zu sehen; aller Unterricht hat seinem innersten

Wesen nach intuitiv, praktisch, analytisch zu sein; es gilt, die Sinne und die Beobachtung zu üben an der Analyse der Natur, um die Kinder an selbständiges Arbeiten zu gewöhnen; die Form des Unterrichts hat heuristisch zu sein, die Behandlung des Stoffes analytisch, die Ent- wicklung des Systems genetisch; der Unterricht soll nicht den Charakter einer Belehrung tragen, sondern den eines durch die Schüler vorgenommenen Studiums; es ist festzuhalten, daß die Schüler von der untersten Klasse an als Forschende zu betrachten sind, und daß der Unterricht immer den Charakter des Studiums und der Forschung zu tragen hat; die Studien sind von den Schülern selbst vorzunehmen unter der bloßen Leitung des Lehrers.

Zwei Eigenschaften sind es also zunächst, auf deren Erweckung im Kinde der Unter- richt erzieherisch abzielt: Beobachtung und Selbständigkeit. Gegen diese beiden Eigen- schaften als Grundpfeiler der Erziehung erheben sich nun aber gleich schwere Bedenken. Wenn ein neuerer Philosoph gerade auf die Pflege dieser beiden Eigenschaften bei der Jugend als auf die größbten Hindernisse wahrer Kultur hinweist, so führt er dafür so schwerwiegende Gründe ins Feld, daß wir, falls die Pflege der Naturwissenschaften sie unumgänglich fordern sollte, eines- teils stutzig werden müßten, ob diese Pflege eine wirkliche Kultur zu bringen im stande ist, andererseits uns wenigstens nach Mitteln umsehen, die diesen üblen Einfluß abzuschwächen ge-