handelt, der natürliche Trieb des Kindes entgegen. Die Analyse ist eine eminent späte, fast senile Operation des menschlichen Geistes. Das Interesse an der Analyse ist beim Kinde nur ein sehr flüchtiges, das geöffnete Spielzeug erregt sein Interesse nur für einen Augenblick. Woran das Kind bleibende Lust hat, das ist die Synthese; man sehe es beim Spiel mit Bleisoldaten, mit dem Baukasten oder beim Puppenspiel. Was man Spieltrieb nennt, ist die Lust an der Syn- these, am Aufbau, am Können, am aufbauenden Arbeiten der Hande und der Phantasie. So führt der Charakter des Schülers wie der der Sprache auf ein synthetisches Verfahren. Aber die chilenischen Lehrpläne haben, der letzten Phase der europäischen Methodik folgend, sich für das Gegenteil eutschieden und damit die Lösung der den sprachlichen Fächern gestellten Aufgabe in höchstem Grade erschwert. Die analytisch-forschende Verfahrungsweise ist sogar in den Unter- richt in der Muttersprache eingedrungen. So werden, wenigstens in einem der zwei für dieses Fach ausgearbeiteten Lehrpläne, für die letzten zwei Jahre in der Grammatik nicht praktische Ubungen in Anwendung der Sprach- und Stilregeln angesetzt, sondern Analysen und Unter- suchungen wie die folgenden: Welche Ursache und welchen Zweck haben grammatische Regeln? Was ist eine Sprache? Geschichte der Sprache von Cervantes bis zur Neuzeit, Geschichte der vorklassischen Sprachperiode, etymologische Untersuchungen, grammatisches System der lateinischen Sprache, Erklarung des allgemeinen Charakters der kastilischen Sprache. Hier sind wir in voller Wissenschaft. Da nun also bei diesem einerseits imitativ-mechanischen, andererseits über die Be- dürfnisse der Schule und Spracherlernung überhaupt hinausgehenden forschenden Betriebe der Sprachen in der Erlernung der Sprachen selbst kein Gegengewicht gegen die naturwissenschaft- lichen Fächer geschaffen ist, so wäre alles von der Lektüre zu erwarten. Aber wird schon der Unterricht in der Muttersprache bei der geringen Stundenzahl kaum einen tiefgehenden Einfluss auszuüben im stande sein, so ist dies noch mehr bei dem fremdsprachlichen Unterricht der Fall, der wie bei uns an der Thatsache krankt, daß die breite Masse des Volkes an ihm teilnimmt, und daß deshalb die Methodenfrage eine ungebührlich große Rolle spielt. Denn was ist die ganze Methodenfrage schließlich anderes als das Bestreben, einen Weg zu finden, auf dem auch dem Unbegabtesten noch eine gewisse Summe von Kenntnissen beigebracht werden kann. Uber diesem Suchen nach immer vollkommeneren Methoden müssen dann die Lehrer die Zeit versäumen, die sie auf ihre eigene Kultur zum Nutzen der Besseren und Besten verwenden könnten. So ent- steht überall Arbeit für den Durchschnitt und damit Versaumnis für das Beste und die Besten. Was der Lehrer am drückendsten empfindet in diesen Klassen, ist nicht die träge Masse der Unbegabten oder aus anderen Lebenssphären hierher Verpflanzten(mit diesen wird die Methode schließlich fertig), sondern das Verkümmern und die Langeweile der Begabten, jene Langeweile, welche nicht in der Unzulänglichkeit des Lehrers ihren Grund hat, sondern in dem Tempo und dem Niveau der Darbietungen, welche die Masse dem Lehrer gebieterisch auferlegt. So wird es über sehr elementare und flüchtige Kenntnisse nicht hinauskommen und ein wirklich bildender Einfluß der klassischen Litteratur dieser Sprachen nicht zu erhoffen sein.
Das Ziel, welches sich die liberale Partei bei Aufstellung der ganzen Lehrpläne setzte, läßt sich kurz dahin aussprechen: es gilt den Fortschritt der Nation fördern durch die geistige und körperliche Förderung der Individuen. Diesem Ziel sollen vor allem die naturwissenschaftliche Erziehung dienen und die Ausstattung des Schülers mit Kenntnissen für das praktische Leben, dann die für Romanen, denen eine gewisse Scheu vor systematischen körperlichen Ubungen eignet, höchst anerkennenswerte und die Energie des Vorwärtsstrebens kennzeichnende Einführung


