Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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in Deutschland allgemein übliche konzentrische, welches, schritthaltend mit der geistigen Ent- wicklung des Schülers, die einzelnen Fächer nebeneinanderlaufend und ineinandergreifend von den

Anfangsgründen bis zu den Zielen der obersten Klassen in gegenseitiger Unterstützung hinaufführt, und die Programme weisen mit dem größten Nachdruck auf diese gegenseitige Unterstützung der Fächer hin und machen den Lehrern die fortwährende wechselseitige Verständigung zu diesem Zwecke zur strengen Pflicht. Der Aufbau innerhalb der einzelnen Fächer wurde mit der größten Sorgfalt vorgenommen, sodass eine jährliche Erweiterung des Stoffes jedesmal auch eine jahrliche Wiederholung des Stoffes der vorhergehenden Klasse in sich schloss. Der zweite Teil der Re- form, der sich auf die Lehrmethoden bezog, fand für jedes Fach seine Lösung nach den neuesten europäischen Erfahrungen und dem letzten Stande der pädagogischen Wissenschaft, und die mit metodo überschriebenen Abschnitte der Lehrpläne sind in der That mustergültige Arbeiten. Eine Folge der verânderten Unterrichtsmethoden war dann auch die Verwerfung der alten cuestiona- rios ordenados, deren Auswendiglernen einfach von den Schülern verlangt worden war, und deren Ersetzung durch neue, der Methode entsprechende Lehrbücher. An Stelle der gedächtnismäßigen Aneignung des gedruckten Textes durch die Schüler tritt die freie Thätigkeit des nach den neuesten Methoden geschulten Lehrers. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern wird das Auswendiglernen überall ersetzt durch die Anschauung, die systematische Beobachtung, die Analyse, das Experiment, das logische Denken, wobei der Unterricht auf Erweckung, Ent- wickelung und Disziplinierung aller geistigen Fähigkeiten des Kindes abzielt und mehr den Cha- rakter eines Studiums von Seiten der Schüler als den einer Belehrung von Seiten des Lehrers tragen soll. In den fremden Sprachen tritt an die Stelle der grammatischen Behandlungsweise vor- wiegend die imitative, induktive, analytische, auf Anschauung gegründete(es fehlt nicht an Hölzel- schen Bildern!), mit Hervorhebung des praktischen Gebrauchs der Sprache in Conversation, Lek- türe und Aufsatz. In Geschichte und Geographie wird die gedächtnismäßige Aneignung von Zahlen und Thatsachen auf das Nötigste beschränkt und dafür möglichste Veranschaulichung durch Wort und Bild einerseits und Klarlegung des ursächlichen Zusammenhangs geschichtlicher Ereignisse und des Ganges der Kulturentwicklung andrerseits verlangt. In der Muttersprache wird das theoretisch-grammatische Studium verdrängt durch die Bildung an dem Stil muster- giltiger Schriftsteller, die Kenntnisnahme der historischen Entwickelung der Sprache und ihre Beherrschung im mündlichen und schriftlichen Gebrauch. Dem Sing-, Turn- und Zeichenunter- richt wird ein streng methodischer Gang vorgeschrieben.

Alle diese Einzelreformen legen für den offenen Sinn, den aufstrebenden Geist und die Energie des chilenischen Volkes bereits genügend Zeugnis ab; der kühnste Zug in dem ganzen Unternehmen ist jedoch die mit größter Entschiedenheit, Zähigkeit und nie schwankender Zielbewußtheit durchgeführte Zusammenfassung und Leitung der gesamten Lehr- thätigkeit nach einem Ziel hin: Erziehung durch die Naturwissenschaften. Es ist hier ein vollständiger Bruch gemacht mit dem litterarisch-künstlerischen, klassischen Erziehungs- system, wie es unser altes Gymnasium vertrat. Mit unerhörter Kühnheit ist das ganze Schul- wesen auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern aufgebaut: sie bilden Mittelpunkt und Zusammenhalt des ganzen Unterrichts, sie formen mit ihren Methoden den Geist des Schülers, sie geben seinem Charakter die Richtung, sie bilden seine Weltanschauung, sie monopolisieren seine ästhetischen Fahigkeiten, sie füllen sein Gedächtnis mit ihren Daten, sie nehmen, um dies thun zu können, in den Schulplanen einen Raum ein, den sie in keinem anderen Lande der Welt besitzen.