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quickung der Moral mit den religiösen Dogmen und Anschauungen an, aber er betrachtet die Kirche nicht mehr als Lehrerin und Mutter, sondern als Mittel, mit dem sich zur Erreichung persönlicher und nationaler Zwecke in gewissenlosester Weise operieren läßt. Es sind Menschen von einer Klarheit der Anschauung, einer Kühle der Beobachtung, einem Sinne für das Reale, einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel und einer Energie in der Ausführung, die an macchiavellische Gestalten erinnern. Einen solchen traf ich in der Nähe der Hauptstadt in primi- tiver Hütte, das Wissen seines Landes beherrschend, den Boden bebauend, Gäule bändigend, Einbrecher über den Haufen schießend, Bismarck bewundernd und über Lists Nationalem System der politischen Okonomie brütend, den Kopf voll unheimlicher Gedanken über die Dinge seines Landes. Das sind die Menschen, aus denen südamerikanische Diktatoren entstehen.
Für den Augenblick hat in dem Kampfe die klerikal-konservative Partei gesiegt, der übermächtige Einfluß der Klerikalen wird jedoch gebrochen durch die zum großen Teil liberalen Minister und eine liberale Mehrheit des Kongresses. Welche Entwickelung das Land weiter nehmen wird, kann nur die Zukunft lehren. Diese Zukunft aber wird in den Händen derer liegen, die jetzt durch die höheren Schulen gehen, und eine Betrachtung dieser Schulen und ihrer Tendenzen wird wenigstens Aufschluß darüber geben können, in welcher Richtung sich das Land bewegt, und ob das, was die seither machtige Partei in dieser Schule austrebt, geeignet erscheint, ihrem Volke wirklich die Kultur zu bringen, die sie so sehnlich für es erwünscht.
Die Geschichte der Schule Chiles ist eine der stärksten Anklagen gegen die spanische Herrschaft und eine der ersten Rechtfertigungen für die Losreißung des Landes von Spanien. Dieselben Ursachen, die heute den Aufstand in Kuba erneuert haben, führten einst zum Unabhängig- keitskrieg Chiles und aller übrigen Länder Süd-Amerikas. Die spanische Regierung betrachtete die Länder des neuen Weltteils nur als Ausbeutungsfeld. Um ihren materiellen Fortschritt kümmerte sie sich nicht, ihren geistigen suchte sie im Gegenteil zu unterdrücken, weil sie darin die drohende .Gefahr einer Selbständigmachung erblickte. Philipp II. verbot unter Strafe der Verbannung und Einziehung der Güter,„daß irgend ein Spanier, Geistlicher oder Laie, Spanien verlasse, um auf irgend einer Universität oder in irgendwelchem Kolleg außerhalb des Reiches zu studieren, lehren, lernen, verweilen oder leben.“ Erst 1578 wurde die erste Schule in Santiago gegründet und zwar nur zur Ausbildung von Geistlichen. Was dann im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert weiter von Schulen durch die religiösen Orden der Franziskaner, Augustiner, Mercedarier und Jesuiten angelegt wurde, diente alles demselben Zwecke. Erst gegen Ende des siebzehnten Jahr- hunderts verbanden die Orden mit ihren Priesterschulen auch Elementarschulen. Die Mehrzahl der Angehörigen der wohlhabenden Klassen erwarb nur die dürftigen Kenntnisse, welche die Familie selbst mitzuteilen im stande war, während die unteren Klassen in der tiefsten Unwissen- heit verharrten. Um die weibliche Erziehung war es noch schlechter bestellt, denn bis zum Jahre 1812 gab es in Santiago keine einzige Mädchenschule. Die Bücher, welche in den bestehenden Elementarschulen verwendet wurden, machten den Unterricht selbst zu einer zweifelhaften Errungen- schaft, denn es waren ausschließlich asketische Traktate, angefüllt mit seltsamen Erzählungen und Berichten von abgeschmackten Wundern, in der Absicht, Schrecken vor allem einzuflößen, was die Kirche verabscheute. Eine der ersten Sorgen der Regierung der Revolution war es, diesem traurigen Zustande des Volksunterrichts abzuhelfen, und eine ihrer ersten Handlungen jener Erlaß, welcher die Gründung von Elementarschulen in Stadt und Dorf anordnete. Mit dem Erlaß waren aber natürlich die Einrichtungen noch keineswegs geschaffen, denn es fehlte so ziemlich an allem:


