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sie diesen richtunggebenden Eindrücken und Einflüssen aus dem Wege, so durchschneiden sie den Nervenstrang, der allen Funktionen die einheitliche Richtung gab, so graben sie die Wurzeln ab, die den Individuen die Nahrung aus dem Boden der gemeinsamen nationalen Kultur zu- führten. Diese Gefahr wird aber auch insofern durch die ausschließliche Beschäftigung mit der Wissenschaft gefördert, als die wissenschaftliche Produktion Spaniens so gering ist, daß der chi- lenische Student auf die fremde und zwar naturgemäß die französische Litteratur in der Ur- sprache oder in UÜbersetzungen angewiesen ist. Ein Zusammenhang mit der Kultur des spanischen Mutterlandes ist nur möglich auf dem religiös-sittlichen und dem künstlerisch-litterarischen Ge- biete. Ist er hier durchschnitten, so ist er überhaupt durchschnitten. Wie weit aber bereits in einzelnen Fällen die Instinktabirrung vorgeschritten ist, zeigt der Ausspruch eines jungen Süd- Amerikaners:„Wir spanischen Abkömmlinge taugen nichts, wir müssen durch die angelsächsische Rasse ersetzt werden.“
So sehen wir das Land in einem gefährlichen Kampfe begriffen und das Gute und Uble in gefährlicher Weise auf die ringenden Parteien verteilt. Auf der einen Seite stehen als Bollwerk spahisch-kirchlicher Bildungsfeindschaft die alten Landmagnaten mit ihren des Lesens und Schreibens unkundigen Scharen Höriger, der Klerus und in dessen Hand die Frauen, der Hab gegen die Wissenschaft, die Lüsternheit nach Inquisition, der energielose Genuß des Ererb- ten, Ignoranz und Aberglaube, aber auch eine feste Tradition und ein instinktsicheres Halten an den Grundbedingungen der Volkskraft. Auf der anderen Seite läuft gegen dieses Bollwerk eine Partei Sturm, die, von den tüchtigsten Kräften des Landes, meist Männern der Wissenschaft, Schule und Politik, geleitet, den vorwärtsstrebenden Teil der Nation in sich schließt, mit starkem Gefühl für das Unvollkommene des ganzen Kulturzustandes des Landes, dankbar für jede Förde- rung von Europa, mit ernstem Streben nach Erkenntnis, mit dem festen Willen, ihrem Lande von Nutzen zu sein, klarem Blick für die Lebensbedürfnisse desselben, steter Arbeit in Haus, Schule, Universität, Parlament und Regierung für Fortschritt, Licht, Reinlicheit, Rechtschaffen- heit in geistigen und sittlichen Dingen, aber gefährlich durch ihre Loslösung von den Grund- instinkten allgemein menschlichen und spanischen Lebens; sie kennzeichnet im Kampfe gegen das Alte eine klar-, auch oft flachsehende Härte und Nüchternheit, die in der Beschränktheit ihres Horizonts ihre eigentümliche Kraft hat und in dem Mangel an Sinn für die großen Kräfte der Kunst, in weitester Bedeutung genommen, d. h. alles Schöpferischen auf dem Gebiete des Geisteslebens, ihre Schwäche; sie macht aus der Jugend frühnachdenksame, sich einer schweren Aufgabe bewußte, unjugendlich empfindende, für das Schöne kurzsichtige, unidealische Menschen, die an sich selber leiden und sich dessen mehr oder weniger klar bewußt sind, eine in einem so jungen Lande erstaunlich gebrechliche Art Menschen, da sie nicht aus dessen Boden und natürlichen Kräften gewachsen, sondern gleichsam von einem aus anderer Gegend hereinstreichenden warmen Winde zu künstlichem Wachstum emporgetrieben und in ihren Instinkten irregeführt sind. Zwischen diesen zwei großen Mächten, die sich das Land teilen, steht dann noch ein dritter Typus, sich von beiden nährend, beide souverän verachtend und beide als bloßes Mittel benutzend. Er nimmt vom Wissenschaftler den Einblick in die Natur, ohne dessen abstrakte Wahrheitsliebe, vom katholischen Priester die Einsicht in den Charakter des Menschen und die Mittel, ihn zu lenken, ohne dessen religiöse UÜberzeugung. Ihm ist die Kirche das Behältnis der moralischen Erfahrungs- regeln, die die Menschheit seit Jahrtausenden gesammelt hat, und deren Nichtbefolgung den Unter- gang des Individuums und der Gesellschaft mit sich brächte, er erkennt die unauflösliche Ver-


