Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
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hundert die Volksschule für schadlich hielt, weil sie den gemeinen Mann nur stolz mache. Diesem Geiste gegenüber galt es der fortschrittlichen Partei, den Geist ins Feld zu führen, der die Männer des Unabhängigkeitskrieges beseelte, und der den ersten Erlaß des gobierno de la Independencia eingab: crear una escuela de primeras letras en cada ciudad, villa õ aldea. Sollte das chilenische Volk in seinen höheren Klassen zu ernster geistiger Arbeit erzogen, die Frau aus dem Banne des Beichtigers befreit und die breite Masse des Volkes, besonders auf dem Lande, aus ihrer furchtbaren Unwissenheit, aus Aberglauben und Rohheit, die aus Chile das Land machen, welches alle Länder der Welt in erschreckendem Prozentsatz an Mordthaten überragt, auf eine höhere Stufe der Ge- sittung gehoben werden: so konnte dies nur geschehen, wenn in der Stadt die in letzter Zeit gemachten Fortschritte jetzt nicht wieder in Frage gestellt, und wenn auf dem Lande der Einfluß des unwissenden und fanatischen Priesters, der bis zu Mordthaten auf Freidenkende anreizte, ge- brochen und eine gute Volksschule an seine Stelle gesetzt wurde.

Daß hier für die Entwickelung des Landes eine Frage von ungeheurer Wichtigkeit, aber auch von ungeheurer Gefahr vorliegt, ist nicht zu leugnen und rechtfertigt die tiefgehende Er- regung beider Parteien. Die Gefahr ist nach zwei Seiten hin da. Siegt die Kirche, so heißt dies Stillstand oder Rückschritt, siegt der Radikalismus, so bedeutet dies eine immer größere Ab- wendung von allem Religiösen und damit einen vollkommenen Bruch mit allen Traditionen der spanischen Rasse. Jener. Angstschrei der Kirche: los hombres se nos escapan, ist in Chile nur zu ge- rechtfertigt, denn die Männer der gebildeten Klassen haben sich bereits in sehr großer Zahl jedem Einfluß der Kirche entzogen. Welche furchtbare Gefahr darin liegt, die breiten Massen eines rohen Volkes und die Frau der Kirche zu entfremden, die doch sicher in ihrer großen Erfahrung auf dem Gebiete der Psychologie und Moral, ihrer Kenntnis des menschlichen Herzens und ihrer Interessierung des ganzen Menschen an seinem moralischen Zustande von großem und wohlthäatigem erzieherischem Einfluß auf den sittlichen Willen ist, ist klar; aber auch in der Mäannerwelt der gebildeten Stände, die sich direkt mit der Wissenschaft beschäftigen oder sich deren Re- sultate angeeignet haben, erzeugt die Abwendung von allem Religiösen eine solche Trockenheit der Empfindung, eine solche Erlahmung der auf Gestaltung eines harmonischen Lebensideals hinwirkenden affektiven Kräfte der Seele, eine so gemütlose Betrachtung der Welt neben einer so erschreckenden Gebrechlichkeit des Willens, daß man von einer Gefahr in die andere zu laufen scheint. Wie sehr bereits die Jugend besonders letztere Gefahr an sich selbst empfindet, beweist der Enthusiasmaus, mit dem die spanische UÜbersetzung von Payot's Buch L'education de la Volonté aufgenommen, und der Eifer, mit dem sie gelesen und besprochen wurde.

Aber uns handelt es sich hier vorzüglich um die Frage nach der kulturellen Zukunft des Landes. Das Mutterland Spanien ist das christliche Kulturland zar'skoxivy, die seitherige Kultur Chiles ist eine spanisch-christliche, der Mittelpunkt dieser ganzen Kultur hat in der Kirche gelegen, und diese ist noch heute die Stätte einer alten Kultur. Man braucht nur durch die Hauptstadt des Landes zu gehen, um einen überzeugenden Eindruck davon zu haben. Die alte Kathedrale ist unzweifelhaft der künstlerischste Bau Santiagos, und wenn man einen Hauch wahrer Kultur verspüren will, so muß man in ihr eine misa cantada hören. Hier vereinigen sich Architektur, Musik und die gottesdienstliche Handlung mit ihrer Symbolik großer Ideen zu einem Gesamteindruck von solcher Einheit, Gleichartigkeit und Kraft, daß der ganze Mensch, künstlerisches Empfinden, Gefühl und Wille, davon erfaßt und geformt werden muß. Wenden sich die Menschen von diesem Kern und Krystallisationspunkt der Kultur ihrer Rasse ab, gehen