Aufsatz 
Kulturbestrebungen und Schule in Chile
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Kulturbestrebungen und Schule in Chile.

Die jetzige Menschheit versänke unergründ- lich tief, wenn nicht die Jugend vorher durch den stillen Tempel der großen alten Zeiten und Menschen den Durchgang zum Jahrmarkte des

späteren Lebens nähme. Jean Paul.

Bei dem letzten, großen Kampfe um die Praàsidentschaft in Chile, im Jahre 1896, hat es sich nicht um Personen gehandelt, auch nicht um die Macht und die damit verbundenen Vor- teile. Es waren Kulturfragen, die das Land in zwei große Parteien spalteten, in die konser- vative und die fortschrittliche. Welche Klassen der Bevölkerung der einen, welche der anderen Richtung angehörten, zeigte sich deutlich in den großen Manifestationszügen, welche die Parteien in der Hauptstadt Santiago zu Ehren ihrer Kandidaten veranstalteten. In dem Zuge der radikalen Partei, deren Manifestanten im schwarzen Gehrock oder dem Arbeitskleid zu Fusse gingen, er- kannte man die liberalen Berufe, die Kaufmannschaft und den Arbeiterstand; der Zug der kon- servativen Partei, dem der Klerus mit Befriedigung von den Veranden der Häuser zuschaute, bot den prächtigen Anblick von viertausend in der malerischen chilenischen Nationaltracht durch die Straßen paradierenden Reitern, den von den Grundeigentümern angeführten Landarbeitern. Die Kirche, mit ihrem Angstschrei: los hombres se nos escapan, hatte sich mit den Grundeigen- tümern vereinigt, die die Sorge trieb: wir und unsere Grundsätze verlieren an Einfluß im Staate. Dieser Koalition gegenüber war die Aufregung der für den Fortschritt ihres Landes thätigen Mànner ungeheuer; die liberalen und radikalen Klubs waren in der Wahlzeit Tag und Nacht gefüllt von einer die einlaufenden Nachrichten mit Ungeduld erwartenden Menge. Man fürchtete, bei einer Niederlage, unter einer klerikal-konservativen Präsidentschaft um Jahre zurückgeworfen zu werden, und besorgte besonders für die Lehrfreiheit der Universitàt und die freiheitliche Entwickelung der Schule. Und diese Sorge schien nicht ungerechtfertigt, denn bereits sprachen die klerikalen Zeitungen von der Schadlichkeit der pedagogia alemana, die in den Schulen den Glauben und die Anhänglichkeit an die Kirche untergrabe, und bezeichneten die Universitàt als atea. Die Kirche und der Glaube heißt aber hier nur zu sehr Marien- und Heiligenkult mit seinem Gefolge von Wunder- und Aberglauben. Hatte doch erst vor kurzem ein fanatischer Priester, den man auf den Plätzen Santiagos die Seiten seines Gebetbuches küssen sehen konnte, einen einträglichen Handel mit wunderthaätigen Reliquien der heiligen Filomena eingerichtet und der Erzbischof von Santiago selbst für nötig befunden, die Geistlichkeit vor dem Schacher mit geistlichen Gütern zu warnen. Es regte sich in dieser Koalition der altspanische Geist, der unter Philipp II. durch Erlaß jede geistige Entwicklung in den Kolonien unterdrückte, und der noch im achtzehnten Jahr-