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in der Natur.„Freilich gibt es heute unter den vorgeschrittensten Völkern noch gar viel Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit und Elend. Wer aber vorurteilslos erwägt, was war und was ist; wer die Extreme der Menschheit in ihrem psychischen und physischen Zustande vergleicht und wer das Leben der unsterblichen Fackelträger verfolgt, an welchen es keinem grossen Volk und keiner Epoche gefehlt hat..... der vernimmt den Triumphgesang des Erfolges, welcher aus der Tiefe der Jahrtausende heraufrauscht; er empfindet die Würde und die Gemeinsamkeit unseres Geschlechtes und erhöhte Liebe zur Menschheit erfüllt sein Herz“ ¹). Ist die Entwicklungsidee der der Geschichtswissenschaft als Voraussetzung zu Grunde liegende Begriff, bewegt sich der geschichtliche Process einem Ziele ²) zu, welches aus dem bereits abgelaufenen Teil desselben im Allgemeinen erkannt werden kann, so kann die Geschichte nicht umhin nach diesem Begriff die geschichtlichen Thatsachen zu beurteilen. So schön es einerseits klingen mag, dass die Geschichte nicht loben und tadeln, die menschlichen Dinge nicht beweinen und belachen soll, sondern sie zu begreifen suchen(Spinoza), so ist es auf der anderen Seite unmöglich, wenn überhaupt eine leitende Tendenz in der geschichtlichen Bewegung anerkannt wird, nicht nach derselben die Leistungen von Völkern und Zeitaltern, innerhalb deren das Einzelne nur durch Anwendung relativer Wertmassstäbe im Zusammenhang begriffen werden kann, zu beurteilen. Nicht soll der Historiker nach seinem persönlichen Standpunkt oder nach modernen Anschauungen die Vergangenheiten richten, wohl ist der relative Massstab, der heutzutage als der allein wissenschaftliche gilt ³) durchaus notwendig, um die Dinge im Zusammenhang zu erkennen und zu beurteilen und um eine objective Geschichtsauffassung zu ermõg- lichen, allein es genügt doch nicht einen König Jacob, einen Macchiavelli u. s. w. „dem Urteil von ihres Gleichen zu überlassen“, sondern gerade das letztere d. h. die Auffassungsweise jener Völker und Zeiten und daher auch ihre Leistungen sind wieder an dem allgemeinen und constanten Begriff der Entwicklung, der Vervollkommnung zu messen, der nicht aus transcendenten Regionen oder aus fremden Wissenszweigen, sondern aus der empirischen Geschichtswissenschaft selbst gewonnen ist. Der Fort- schritt wird sich freilich nicht als eine gerade Linie ergeben, wie Hegel sich den- selben nach Ausmerzung alles dessen, was in sein luftiges Gebäude nicht hineinpasste, construirte, sondern„mehr wie ein Strom, der sich auf seine eigene Weise den Weg bahnt“; entsprechend den Bosheiten und Schwächen im sittlichen Leben gibt es hier Hemmungen und Störungen, Widerstreit und Kampf, und letztere gehören so gut in das geschichtliche Leben wie die Förderungen des Processes ⁴).
Die Geschichtswissenschaft als solche bleibt also bei demjenigen stehen, was wissenschaftlich construirbar ist, andrerseits führen uns diese letzten und höchsten Probleme derselben ebenso wie die ethischen zu den metaphysischen und religiösen Fragen, zu den Fragen nach der Bestimmung und dem Ziel des Menschen überhaupt, nach der Weltregierung Gottes u. s. w. Ohne Gott ist die Geschichte so wenig denkbar wie die Natur; die Naturgesetze sind ebenso unbegreifbar als eine blinde, starre Notwendig.
¹) Suess: Fortschritt des Menschengeschlechts. Wien 1888. p. 23.
²) Nennen wir dieses Ziel Kultur, Civilisation, Humanität, Freiheit, sittliche Vollkommenheit, stets ist der Begriff auf dem concreten Boden der Geschichte gewonnen. cf. Bergmann: das Ziel der Geschichte Mbg. 1881. Beyschlag: Die fortschreitende Befreiung aus den Banden der Natur zur Freiheit der Gotteskinder ist die grosse Idee der Weltgeschichte. Retormation und sociale Frage p. 5.
3) Treitschke: Preuss. Jahrbl. Bd 58. p. 505. Lorenz a. a. O. p. 77. Acton a. a. 0. p 14.
Harttung a. a. O. p. 23. f. 3 4) Was fördernd oder hemmend in diesem Process sich erweist, ist das geschichtswissenschaftlich Wertvolle; Manches andere mag individuelles oder locales Interesse haben, für die Wissenshaft ist es
ohne Bedeutung vgl. oben p. 7. Note 2.


