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keit wie die Geschichte als ein Chaos; in beiden ahnt, fühlt und erkennt das religiöse Gemüt den ewigen Liebeswillen des Unendlichen, das Walten der allmächtigen, all- wissenden und allgütigen Gottheit; doch damit haben wir das Gebiet der Geschichts-
wissenschaft bereits verlassen und sind eingetreten in Probleme der Metaphysik, des Glaubens, der Religion.
Ddiie Religion ist die Wurzel vom Baum des geistigen Volkslebens, sie erfüllt uns mit Idealen und einem gesunden Optimismus, sie bildet die Grundlage der Humanität. Ist die Religion somit nicht Sache des Wissens, sondern des Lebens, ist sie die auf Glauben basirte und durch Liebe manifestirte Bethätigung der durch Christus wieder- hergestellten Gotteskindschaft, so sind Conflicte ¹) ausgeschlossen, wenn andrerseits die Wissenschaft die Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit nicht überschreitet und ins über- sinnliche Gebiet hinübergreift, das dem Glauben. angehört, wenn sie sich bescheidet die Wahrheit zu suchen, aber dieselbe nicht zu besitzen sich rühmt. Unter Glauben, dem Höchsten und Heiligsten, was dem Menschenherzen von Gott gegeben ist, ver- stehen wir hier nicht die blosse Annahme der jeder Wissenschaft zu Grunde liegenden Voraussetzungen, nicht nur das Fürwahrhalten der intuitiven(Axiome) und discursiven Grundbegriffe derselben, aus denen alle anderen abgeleitet werden, die aber selbst unableitbar sind, der allgemeinen Principien und metaphysischen Ideen, sondern die reine und volle Hingabe des Herzens an Gott, das zuversichtliche Vertrauen auf seine Selbstoffenbarungen(Hebr. 11,1). Mit der Religion, die keine Wissenschaft sein will und kann, die das Transcendentale unmittelbar im Gemüt erfasst und die Gewissheit unabhängig von den empirischen Thatsachen und von jedem philosophischen Beweis in sich selbst trägt 2), stehen daher nicht die Ergebnisse der modernen Wissen- schaft, die Natur- und Geschichtserkenntnisse, in Widerspruch, sondern nur die materialistischen Theorien, welche Geist und Freiheit, Gott und Unsterblichkeit leugnen, aus Natur und Geschichte alle Teleologie verbannen und in den Idealen, denen die Menschheit fortschreitend zustrebt, nur Irrtum, Lug und Trug sehen.
¹) Diese Conflicte, die besonders dann eintraten, wenn eine wissenschaftliche Entdeckung das überlieferte Wissen in hohem Grade erweiterte und vertiefte, verschwinden, wenn die lautere Religion der Liebe ein sittlich-gottesfürchtiges Leben in Christo ist und schafft und weder in toten Formen er- starrt noch in speculative Theologie aufgeht, und wenn andrerseits die Wissenschaft die Tragweite ihrer Resultate nicht überschätzt und die wissenschaftliche Unerkennbarkeit des Transcendentalen einräumt. Vgl. Draper: Geschichte der Conflicte zwischen Religion und Wissenschaft. Lpg. 1875. M. Carriere: Jesus Christus und die Wissenschaft der Gegenwart. Lpg. 1889, dessen Beweisführung, dass die deistisch-pantheistische Gottesidee, die Verf. an der Hand der Wissenschaft gewinnt, diejenige Jesu sei, meines Erachtens verfehlt ist. Spencer: Grundlagen der Philosophie übersetzt von Vetter Stutt- gart 1875. I. Teil G. Spicker: Spencers Ansicht über das Verhältnis der Religion zur Wissenschaft Münster 1889. Ueber das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Religion werde ich an anderer Stelle ausführlicher handeln.
2) Spicker a. a. O. p. 27 ff.


