Aufsatz 
Die Geschichtswissenschaft / vom Gymnasiallehrer Christian Clasen
Entstehung
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Gebiete zusammen Leibnitz) hat zuerst die Ansicht von einem steten Fortschritt in der Geschichte ausgesprochen, darauf hat Lessing,der erste Kritiker von Eu- ropa, diesen Begriff vertieft und als das Ziel desselben die Aufklärung und Selb- ständigkeit der Menschheit betrachtet, während Herder als den Inhalt der Geschichte den Sieg der durch das Ganze fortschreitenden allgemeinen Vernunft und als das End- ziel die Humanität bezeichnete. Nach Kant, der bereits ein völlig aprioristisches Princip in die Geschichtsbetrachtung hineintrug, ist die Geschichte die Vollziehung eines verborgenen Planes der Natur, um eine innerlich und zu diesem Zwecke auch ausserlich vollkommene Staatsverfassung zu Stande zu bringen als den einzigen Zu- stand, in welchem sie alle Anlagen der Menschheit völlig entwickeln kann. An Kant schloss sich Schiller an. Die nachkantische Philosophie verfolgte den von ihm ge- wiesenen Weg weiter, und suchte den Geschichtsverlauf durch Ideen, ²) d. h. logische Kategorien, welche nicht auf dem Boden der empirischen Geschichtsforschung, sondern der speculativen Philosophie gewachsen waren, zu erkennen; der Plan der geschichtlichen Be⸗ wegung wurde aprioristisch gefunden, und was in diese Construction transcendentaler Ideen sich nicht hineinzwängen liess, wurde einfach gestrichen. Sei es nun dass man die Geschichte auffasste als die fortgehende Offenbarung des Absoluten oder als den vernünftigen, notwendigen Gang des Weltgeistes, die Entwicklung vollzog sich in dem Gegensatz der Freiheit und Notwendigkeit, der fortschreitend im Staat seine Lösung findet; alle nichtstaatlichen Bildungsfactoren sowie die aussereuropäische Geschichte fanden keine Berücksichtigung. Die Idealphilosophie hat das Verdienst den Begriff des Fortschritts scharf betont und zur Aufgabe der Geschichtsphilosophie gemacht zu haben, aber sie führt in ihrer letzten Consequenz ebenso zu einer starren Notwendigkeit in der Ge- schichte wie der Materialismus, und diese Auffassung lässt sich so wenig mit der persönlichen Willensfreiheit vereinigen wie diejenige eines blinden Zufalls mit dem überall waltenden Causalgesetz. Auf den Boden der exacten Forschung stellt sich anknüpfend an Herder Lotze in seinem Mikrokosmos, wo er einen steten, aber nicht gleichmässigen Fortschritt in der Geschichte anerkennt in Wahrheit und Wissen, Lebensgenuss und Arbeit, im Schönen und der Kunst, im religiösen und öffentlichen Leben und in der Gesellschaft.²) Wenn auch die materialistische Weltanschauung alle menschlichen Ideale als Irrtümer und IIlusionen vetrachtet und jeden Fortschritt in der Geschichte leugnet, wenn auch pessimistische Philosophen, wie Schopenhauer und v. Hartmann), das All-Urwesen in der Anwandlung eines Irrtums die Welt erschaffen lassen, um später zu erkennen, dass die Schöpfung überhaupt ein Uebel ist, wenn sie verkünden, dass der Weltprocess nur die Passionsgeschichte Gottes ist und das Ziel desselben nur ein negatiyes, Untergang der Welt und Erlösung der leidenden Gottheit vom Dasein, so wird sich eine denk- gesunde Geschichtsforschung von solchen pessimistischen Systemen verstimmter Philo- sophen nicht beirren lassen den Fortschritt der Menschheit in religiöser, ethischer, intellectueller und socialer Beziehung und das Streben nach einem Ziele, wenn auch einem idealen, in Wirklichkeit unerreichbaren, weiter zu verfolgen und nachzuweisen, dass in der Geschichte die sittliche Weltordnung zum Ausdruck kommt, wie die natürliche ¹) vgl. Wegele a. a. O. p. 848 ff. Rocholl a. a. O. p. 79 ff-

2) Nicht zu verwechseln mit den geschichtl. Ideen, die wir oben(p. 23 bis 24) kennen gelernt haben als die in jedem Jahrhundertherrschenden Tendenzen,(Ranke a. a: O. p. 6. ff. 233 f.

3) Ranke fasst den Begriff des Fortschritts zu enge; einen unbedingten Fortschritt erkennt R. im Bereich der materiellen Interessen an, einen moralischen nur in extensiver Beziehung d. h in der Humanität; in dem moralischen und religiösen Dasein wie in den grossen Productionen des Genius leugnet er denselben.(Epochen der neueren Gesch. p. 10 ff.)

) Philos. d. Unbewussten p. 353.